Die Uhrwerkartigkeit unseres Lebens

Ich muss ja nicht groß erklären, dass die Welt vor die Hunde geht, und diese Tatsache nicht nur eine blöde umgangssprachliche Pauschalierung ist, von Leuten, die schnell mal schwarz malen. Aber weil wir uns in unserem eigenen Mikrokosmos suhlen und es uns da hübsch gemacht haben, kriegen wirs halt nicht so schnell mit oder wollen es auch nicht mitkriegen. Durchaus verständlich.

So führen wir, fernab aller Kriege, weiter unser hektisches, vielbeschäftigtes Leben: im Job, zuhause, auf Facebook. Wir habens immer eilig und müssen schnell irgendwohin, aber wenn man sich mal die Zeit nimmt und auf der Rolltreppe, abends im S-Bahnhof, stehenbleibt, muss man aufpassen, dass man nicht zur Seite geschubst wird. Wir echauffieren uns, neben der aktuellen politischen Lage (Krieg in Syrien, Krieg im Irak, Krieg aus Versehen, Krieg im Nahen Osten, Krieg im Herzen) mal kurz über arme Arbeiter in Fabriken: Bei der Jeansherstellung, bei der Automontage, bei der Wurstherstellung. Und so wirklich juckt uns das nicht, weil es, erstens, weit weg ist, und zweitens, wir im Grunde auch nichts anderes sind, als aus einer Wurstmaschine quellende Würstchen.

Mein Gehirn fühlt sich mittlerweile wie ein Uhrwerk an, in das Sand hineingekommen ist, bald dreht sich mein Rädchen nicht mehr, was ich mit Besorgnis zur Kenntnis nehme und mich gleich umso beunruhigter fühle, weil ich keinen genialen Einfall habe, was ich dagegen machen kann, außer erstmal die Augen zu schließen, den Mund zu halten oder mir Oropax in die Lauscher zu stopfen, wie die da oben. Saufen wäre noch eine Möglichkeit, die mir auf Anhieb einfällt, aber das macht man ja ohnehin schon in Ma ß ss en.

Die Uhrwerktätigkeit unseres Lebens ist uns nur selten bewusst. Warum sollte sie auch, hat ja schließlich keiner Lust, andauernd drüber nachzudenken, dass er irgendwann ins Gras beißt. Aber das sollten wir! Wir sollten öfter darüber nachdenken, dass eines Tages Sense ist. Dass wir nicht ewig leben. Überall, wo ich dieser Tage hingehe, habe ich mehr als sonst das Gefühl, dass die Menschen wie ein Uhrwerk sind: Bei vielen ist schon Sand drin, bei einigen wenigen noch nicht. Die meisten funktionieren irgendwie. Und am Ende des Tages glauben sie, sie könnten einfach an einem kleinen Rädchen drehen.

Und dann merken sie, dass da gar keins ist.

Regen

Mach’s Maul zu!

Nein, beim Gähnen sieht man für gewöhnlich nicht besonders fetzig aus. Das stimmt schon. Aber ist es deswegen auch wumpe geworden, ob man sich dabei die Hand vor den Mund hält? Also, ich finde ja, ohne Hand vorm Mund sieht man noch bekloppter aus.

Das, was ich jetzt zu sagen habe, ist natürlich nichts Weltbewegendes und ja, überall gibt’s Kriege, und ich fühle mich auch richtig schlecht, weil ich anscheinend nichts Besseres zu tun habe, als mich über eine lächerliche Kleinigkeit künstlich zu echauffieren. Ich habe nämlich festgestellt, – lacht nicht, mir isses ernst damit! – dass die Menschen sich nicht mehr die Hand vor den Mund halten. Na und, mögen die einen von Euch jetzt denken, hat die nüscht Besseres zu tun? Doch, habe ich, das ist ja das Schlimme. Deswegen wär’s mir ja lieber, dass mich das gar nicht so stören würde. Tut es aber! Es macht mich aggressiv. Man muss ja im Internetz bei der Wahrheit bleiben. Und deshalb gebe ich zu: Ich bin jedes Mal kurz vorm Austicken und will den Mit-offenen-Mund-Gähnern am liebsten diese kleinen Dinger rausreißen, die da hinten im Hals baumeln und von denen ich gerade nicht weiß, wie sie heißen.

Diese Sich-nicht-die-Hand-vor-den-Mund-halt-Gähner sehe ich wirklich überüberüberall. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich nur darauf warte, einen zu erwischen. Nein, die sind in den U-Bahnen, auf der Arbeit, beim Einkaufen. Alte, Junge, elegant gekleidete Damen, Herren im modernen Zweireiher, Piloten, Muttis mit Kind, Girlis mit Bierpulle in der Hand oder Musiker, die ihr Klavier auf dem Rücken rumschleppen. Sie sitzen einem in der U-Bahn gegenüber, reißen weit und gedankenverloren ihre Mündchen auf, so weit, dass man ihnen bis in den Rachen schauen kann. Obwohl man gar nicht hinschauen möchte. Ich seh immer gleich, wer als Kind viel Angina und Bronchitis hatte und so. Nun könnte man meinen, ich müsste einfach nur wegschauen und schon würde es mich nicht mehr beschämen. Geht nicht! Kann ich nicht. Einer meiner schlauen Mitmenschen hat gerade zu mir gesagt, das passe in den großen Kontext der Sittenverwilderung im öffentlichen Raum.

Also, bitte, wo kann ich meine Beschwerde anbringen? Den Leuten selbst darf man das ja nicht sagen, sonst kriegt man für seinen freundlich gemeinten Hinweis womöglich noch eine aufs Maul, während sie selbst ihres noch immer bis zum Anschlag geöffnet haben. Hallo, haaaaaalloooo, an alle Gähner, da draußen: Seid so nett, bitte, tut mir den Gefallen! Danke.

Gähnen

Stil

Ich liebe ja Leute, vor allem hier in Berlin, die sich einen Dreck darum scheren was gerade modisch angesagt ist. In der U-Bahn sah das neulich so aus. Hach, das sind Bilder, da geht einem doch das Herzchen auf. Ich finde die Idee, gerade zum Abend hin, wenn es etwas frischer wird, einfach famos. Einen schönen Sommersonntag euch allen.

© Verena M. Dittrich

The Dance-Chico is back

Hallo Ihr Lieben, seid ihr eigentlich auch so versessen aufs Tanzen? Für den tollen Nachrichtensender n-tv darf ich ja seit geraumer Zeit die komplette Let’s Dance Staffel schauen und jeden Freitagabend meinen Senf dazu abgeben. Ich kann schreiben was mir in den Rübe kommt, frei von der Leber weg. Es ist ja nun nur noch eine Woche bis zum Finale. Meine Güte, hat die Travolta-Arena in Köln Ossendorf gestern schon mal ordentlich vorgeheizt. Wer die Show verpasst hat, kann hier die Zusammenfassung nachlesen. Es hat ab dem zweiten Drittel ziemlich Lunte gemacht, die Show zu kommentieren. Bis demnächst, Genossen.

"The Dance-Chico is back" von Verena Maria Dittrich

“The Dance-Chico is back”

 

Liebesknochen

Die Menschen haben manchmal merkwürdige Träume. Das wissen wir ja nicht erst seit Sigmund Freud. Träume sind bekanntlich der Spiegel unserer Seele und der beste Beweis dafür, dass wir nicht so fest in unsere Haut eingeschlossen sind wie es scheint. Dieser weise Spruch ist nicht auf meinem Mist gewachsen, er ist von einem Poeten. Und Knut Hamsun hat mal gesagt: Man träumt nicht mehr so schön, wenn man erwachsen ist.

Letzte Nacht träumte ich von einer Straftat.

In meinem Traum laufe durch graue Straßen. Ich habe gute Absichten und freue mich. Ich freue mich die ganze Zeit über. Komisch, denke ich und zweifle, während ich träume. Wenn ich wach bin, freue ich mich nie so. Am Kiosk, vorne an der Kreuzung, kaufe ich mir eine Zeitung, die ich nicht lese. Ich trage sie stattdessen unterm Arm und fühle mich dabei wie früher, als Kind, als ich mit den ausgelesenen Zeitungen meines Vaters stolz durch die Gegend gestapft bin und laut Geschichten vorlas, die nicht drinstanden. Ich – der Geschichtenerzähler, der Welterklärer.

Die Welt in meinem Traum riecht sehr süß und ist von müder Schlichtheit. Die Menschen sitzen in den Cafés vor ihren Laptops und alles um sie herum ist fast makellos, aber doch so entrückt, so hysterisch, so gewöhnlich fremd, dass ich überlege, aufzuwachen oder eine Abkürzung zu nehmen. Am besten übers Land, obschon ich nicht weiß, wo ich genau hin will, mit der Zeitung unter meinem Arm.

Auf dem Lande angekommen, meide ich Straßen und Wege und laufe durch weite Felder. Rapsfelder, Maisfelder, Sonnenblumenfelder. Ich bin ganz allein. Genüsslich beiße ich einen Maiskolben. Aus der Ferne kriecht schwarzer Lärm in meine Ohren und Manteltaschen, ich bin immun dagegen.

Jetzt komme ich an einem kleinen Laden vorbei. Ich frage nicht nach, wie es denn sein kann, dass da ein Laden mitten in einem Sonnenblumenfeld steht. Im Traum ist alles möglich. Freudestrahlend betrete ich mit meiner Zeitung unter dem Arm das Geschäft. Es ist ein Bäcker. Es duftet vanillig und riecht nach Schuld.

“Ich hätte gern einen Liebesknochen”, sage ich.

“Liebesknochen?”, fragt die Frau hinter der Theke und macht ein angewidertes Gesicht, “was soll das sein?”

Ich erkläre es ihr gerade, als ihr plötzlich die Gesichtszüge entgleiten. “Entfernen Sie sich”, sagt sie bestimmt, als sei ich ihr mit der Bestellung von Liebesknochen zu sehr auf die Pelle gerückt.

Ich verstehe sie nicht, ich verstehe ihre Worte nicht, ich verstehe nicht, wieso sie mich nicht versteht. Verdutzt bestelle ich stattdessen ein paar Semmeln. Daraufhin nimmt sie eine Tüte zur Hand und packt die Brötchen ruppig hinein. Ich bezahle passend und verlasse winkend das Geschäft.

Zurück im Feld beiße ich eines der blassen Brötchen. Es ist steinhart. Ich werde jetzt sehr schnell sehr wütend. Die Frau hat mich beschissen. Die Frau hat mich absichtlich beschissen. Dennoch überlege ich, es gut sein zu lassen und weiter durch die Felder zu streifen, als ich feststelle, dass meine Zeitung noch auf ihrer Theke liegt. Und obwohl ich weiß, dass ich sie nicht lese, kehre ich um, um sie zu holen.

Als ich wieder in der Bäckerei stehe, schaut die Frau mich mit entsetztem Gesicht an, meine Zeitung aufgeschlagen in den Händen haltend. Ich frage mich, ob sie mich so anschaut, weil sie etwas Böses über mich gelesen hat, aber ich bin zu aufgeregt, um sie darauf anzusprechen. Und außerdem will ich ihr sagen, dass sie mir alte Brötchen verkauft hat. Uralte, steinharte, blöde Brötchen. Und ja, meine Zeitung hätte ich auch gern zurück. Freundlich aber bestimmt sage ich ihr, dass sie mich beschissen hat. Sie lacht. Ich sage: “Ich will mein Geld zurück oder”… Sie sagt provokant: “oder was?” Ich sage, “oder frische Brötchen. Oder Liebesknochen”.

Sie lacht erneut. Vollkommen irre. Lacht sie mich aus. Und fuchtelt mit meiner Zeitung vor mir herum. Und dann, ohne, dass mein Puls auch nur eine Sekunde über 70 geht, explodiere ich und raube die komplette Bäckerkasse aus. Das Kleingeld in die linke Tasche, die Scheine in die rechte. Nebenbei werfe ich die Theke um. Und balle zornig die Hand zur Faust. Die Frau mit meiner Zeitung erstarrt. Als ich den Bäcker mit der Beute, aber ohne Zeitung verlasse, fängt sie sich und brüllt mir hinterher: “Sie werden nicht entkommen, das wars für Sie, das wars!”

“Das wars für uns alle”, entgegne ich gelangweilt und beiße inbrünstig in einen Liebesknochen, von dem ich nicht weiß, woher ich ihn auf einmal habe. Vanillepudding quillt aus meinen Mundwinkeln. In der Ferne Sirenen.

erschienen in dem Buch: "Auf jeden Fall nichts mit Menschen"

erschienen in dem Buch: “Auf jeden Fall nichts mit Menschen”