Neulich habe ich mitbekommen, wie in Biergärten, U-Bahnen und Kneipen über Berliner diskutiert wurde. Dabei wird sich gern mit besserwissendem Gesichtsausdruck über den Biergartentisch gebeugt, um dem Gegenüber ein Geheimnis zu verraten, dass keines ist: „Die Berliner sind unfreundlich. Schon immer gewesen!“ Jeder der Diskutierenden hat ein Anekdötchen parat: Einer hat letztens nach der coolsten Kneipe im Kiez gefragt und wurde mit der Bahn nach Neuköln geschickt, ein anderer schimpfte über die Fahrradfahrer in der Hauptstadt: „In Berlin pöbeln die am meisten “, sagte er. „Rasten grundlos aus!“ …Und während sich die erhitzten Gemüter nach dem dritten Bierchen einig sind, dass die Geschichte vom unfreundlichen Berliner eine unendliche ist, vergessen sie, sich bei der Bedienung für den Service zu bedanken. Vermutlich ist die ohnehin nur eine kleine Studentin, stellte man fest und die sind, besonders in der Hauptstadt „Jenseits von Gut und Böse“. „Ist mir erst kürzlich wieder aufgefallen, als ich in der U1 nach Dahlem gesessen habe“, sagt Rüdiger, der vielleicht auch Jochen oder Lars heißt: „Sie stehen nicht von ihren Plätzen auf, wenn alte Leute reinkommen. Sie sind taub und zeigen keine Reaktion, wenn man sie freundlich bittet, sich zu erheben, denn auf ihren Ohren sind Hörer, die fast so groß wie der ganze Kopf sind.
Daraufhin habe ich mal überlegt, wie die Geschichte, der Berliner sei unfreundlich, eigentlich entstanden ist. Hat Rüdiger- der vielleicht Jochen oder Lars heißt- Recht, wenn er erzählt, dass man ihn an der Eberswalder, Ecke Schönhauser-Allee erst fast über den Haufen gefahren und dann beinahe bewusstlos geschimpft hat? Und sind unsere Bäckermamsellen wirklich unfreundlicher, als die in Wanne-Eikel? Vielleicht sind sie auch nur traurig, weil ihre Familien-Backstube bald irgendwas mit 2000 oder Back-Discount heißt? Sind unsere Opas denen der Mupped-Show tatsächlich so ähnlich? Und wenn schon? Es wird sie nicht mehr lange geben. Bald sind alle Alten in die Randbezirke verschwunden und das hippe Berlin präsentiert sich jung und flippig. Der alte Glanz der Stadt wird weiß geputzt und wegsaniert. Und die Wahlberliner, die nur mal gucken wollen, bleiben und loben die Flügeltüren im Jugendstil und bewundern die Putten am Stuck. Alle sind modern, kreativ, individuell und aufgeschlossen, aber besonders die, die zuvor im Rheinland gelebt haben, bemerken in der Hauptstadt eine latente Ruppigkeit. Exilia kann ein Lied davon singen. Sie berichtete, als sie zum Zuge kam, von einem kuriosen Erlebnis. Einmal, so Exilia, wurden ihr in der Uhlandstrasse keine Kippen verkauft, weil sie mit zuviel Kleingeld bezahlen wollte. „ Bin ick ne Wechselstube, oder wat?“, hat der Kioskverkäufer gemeckert, bevor er sein Fensterchen schloss und Exilia war sicher, dass ihr so was in Köln nicht passiert wäre. Da würde man sagen: „Mädsche, hier hässe die Zijarette und nochn Feuerzeusch dabei!“ Alle sind sich einig, dass die Raucherin Recht hat und nicken. Und bei diesem wissenden Nicken stellt sich die rhetorische Frage: Was ist so schlimm daran, dass der Berliner den, der nach dem Weg oder coolen Locations fragt, nicht sofort ins Herz schließt oder ihm wie ein junger Köter freundlich entgegenspringt?

"Im Schüttelfrost liegt irgendwo in einem Busch mein Puls"...
.....................................................................................
.......................................................
… bliebe noch das grüne männchen, seines zeichens polizeioberhaupt- und so, zu erwähnen der gerade einige friedliche parksünder vor dem strandbad wannsee notierte und den ich, auch um ihm etwas abwechslung zu bescheren, fragte ob er nicht zufällig wisse ob es nicht doch noch einige offizielle parkräume in der nähe gäbe. es war so um 15h rum und seine antwort kam wie aus der dienstwaffe:
“watt wolln se´n jetz noch hier”?
doch “der berliner” ist in wahrheit nicht unfreundlicher als man oder frau es anderswo ist. der urberliner ist gerne schnell und direkt, er verbringt ungerne zeit mit überflüssigen floskeln und das hat durchaus geschichtliche ursachen. es wirkt zugegeben etwas rau, ist aber meisstens sehr herzlich und hat in vielen dialekten seine durchaus vergleichbare entsprechung.
Der Berliner hat halt Herz und Schnauze. Wenn ein Rheinländer, Bayer oder Sachse in Berlin fragt “Können Sie mir sagen, wie spät es ist?” und dann auf die Antwort “Ja, det kann ick!” mit verblüffter Entrüstung reagiert, liegt das sicher nicht an der Humorlosigkeit des Berliners. Berliner Humor ist auf seine Art subtil und erschließt sich nicht jedem auf Anhieb. Aber wenn, dann funktioniert er fast immer.
Vor Jahren bin ich in Berlin mal mit langen Schritten auf den Bahnsteig geeilt, um die S-Bahn trotzdem nur noch von hinten zu sehen. Gleich neben der Treppe stand ein rotbemützter Bahnmensch und fragte mich grinsend: “Na S-Bahn verpasst?”. Leicht außer Atem antwortete ich ihm damals “Nee, verscheucht!” Worauf er lachend meinte “Det macht nüscht, in 4 Minuten kommt wieda eene.”
[...] von norbert bei Verenas Weltlaterne: “Vor Jahren bin ich in Berlin mal mit langen Schritten auf den Bahnsteig geeilt, um die [...]