Ich brauche ein Diktiergerät, denn ich komme nicht mehr hinterher. Meine Gedanken sind schneller, als die Finger tippen können und wenn die Zeit zum Schreiben nicht reicht oder fehlt, da ist nix mit: Abspeichern im Limbischen System. Alle Ideen, Eindrücke und Gedanken gehen verloren, wie mein Schlüsselbund im Gulli, letzten Mittwoch. Wenn ich unterwegs bin, fallen mir so viele Dinge auf, über die ich schreiben will. Das Unausgesprochene tanzt in meinem Kopf und füllt imaginär hundert Seiten. Kino Babylon zeigt heute eine Reihe kleiner Sex-Filmchen. Die Schlange der Ticketkäufer zieht sich bis um die Ecke, an der ein Falschparker mit Politessen streitet.
Ein Junge schlägt eine Scheibe ein und klaut ein Kinoplakat von Polanski. Vorne an der Torstrasse wird der Bauzaun mit der neuen Converse-Werbung streng bewacht, nachdem die letzte gestohlen wurde. Am Backsteinhaus nebenan hängt ein Bild von Hitler als Baby, daneben pappt Mohamed Ali mit schwarz umrandeten Augen. „In der Volksbühne gibt es schon wieder Kultur“ sagt eine Frau in Tiger-Strumpfhosen, die vor mir läuft und einen Döner isst. Ich weiche den heruntergefallenen Zwiebelscheiben aus. Ob sie die absichtlich weggeworfen hat?, will ich wissen und habe die Frage schon vor der Antwort vergessen.
„Ach, hätte ich nur ein Diktiergerät!“, sage ich, fast melancholisch, leise vor mich hin, als hätten wir noch Zonenzeiten, wo es so etwas selten gab. Ich hätte über die Frau in den Tiger-Strumpfhosen schreiben können, mir gemerkt, dass ihr Gang dem einer Gazelle gleicht und ihre Stimme der von Anke Engelke, ich hätte mir behalten, dass ich Joghurtsoße auf ihrem Revers sah und lachen musste. Mir wäre nicht entfallen, dass ich ihr schon letzte Woche beim Türken begegnet bin und dass sie auch da schon in einem bekleckerten T-Shirt steckte, dieses aber mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit trug, als wären dreckige Klamotten der letzte Schrei.
Morgen kaufe ich mir ein Diktiergerät und hoffe damit nicht auszusehen wie der Typ aus dem Bistro von Amélie Polin. Morgen. Schreibe ich über die Frau in den Tiger-Strumpfhosen. Morgen.



"Im Schüttelfrost liegt irgendwo in einem Busch mein Puls"...
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