Jemand wie Detlef D. Soost

Liebe Hobbymediziner, ich bin vorgestern mit Hanteln rumgehopst und fand mich dabei voll fit. Seit gestern Abend jedoch geht nix mehr! Google sagt, wenns in 8 Wochen – 8 Wochen???!!! – nicht besser ist, muss die Schulter amputiert werden und mein Arzt, zu dem ich mich eben hingequält habe, hat wegen Fühling schon zu. Es ist wohl eine schlümme Zerrung, Kopf drehen geht nicht mehr, jammern funktioniert hingegen einwandfrei. Ich bin dankbar für seriöse Erste-Hilfe-Tipps. Büdde, schnell, ich geh aufm Zahnfleisch.

Und noch was: Wenns in Berlin irgendwo ne Schreibtischtäterin gibt, die – wie ich – , viel vor dem Laptop rumtrullert und sich deshalb jeden Tag vornimmt, sportlich in die Puschen zu kommen und sich zu entrosten: willste mit mir ne Runde um Block rennen, wenn ich meinem inneren Schweinehund in den Arsch getreten und mich auskuriert habe? Son persönlicher Detlef D. Soost-Typ wäre ja auch nicht schlecht. Wo finde ich den, ohne wirklich zu Detlef D. Soost gehen zu müssen?

18.3

Die Schleckermäulchen-Dynastie

Früher, im Osten, schickten mich meine Eltern oft zum Bäcker, Semmeln holen. Und Kuchen. Und allerlei anderes Zeug, das fett macht. Dort, wo ich wohnte, gab es jede Menge Bäcker, kleine und große Familienbetriebe, und ich weiß noch, wie mich einer der Bäckermeister als Kind immer mit dem Finger in die weichen Pfannkuchen pieken ließ, bevor er das Blech in den Ofen geschoben hat.

Später, als ich schon in die Schule ging, hielt ich morgens täglich beim Bäcker an, der auf dem Weg lag. Ich bekam Pfannkuchen geschenkt. Und Mohnkuchen. Manchmal Pudding-Streuselschnecken. Gelegentlich Liebesknochen. Irgendwann wurden die Bäckerbesuche weniger, man will ja keinen breiteren Hintern haben als man groß ist.

Aber, aber: mir war nicht klar, dass nicht nur viele „echte“ Bäcker innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte flöten gegangen sind, sondern fast alle. Ich verstehe das, ich sehe ein, dass die Welt immer im Wandel ist und Gutes mit Semi-Gutem, gar Schlechtem ersetzt wird. Man wird ja auch nicht gezwungen, in diese englischsprachigen Läden mit den furchtbar hippen Kettennamen zu gehen. Verallgmeinernd kann man auch sagen, es muss ja nicht immer alles gleich schlecht sein, auch wenn sich hinterher herausstellt, dass es das meistens doch ist – jedenfalls was diese Bäckerketten betrifft.

Umso mehr habe ich mich deshalb gefreut, als ich neulich diesen Bäcker, vorne bei mir an der Ecke, gefunden habe. Schleckermäulchen. Welch famoser Name! Die haben bestimmt ganz phantastische selbstgebackene Pfannkuchen, dachte ich. Aber manchmal bin ich eben auch nicht sehr helle und denke im ersten Moment nicht darüber nach, dass ein Bäcker, bloß weil er einen wohlklingenden Namen hat, noch lange kein traditionsreicher Familienbetrieb sein muss. Ich also rein, ins Schleckermäulchen. Pfannkuchen kaufen. Und darin, also im Pfannkuchen, plötzlich Borsten gefunden! Hundeborsten oder von einem Schrubber oder so. Richtig dicke, harte Borsten. In der Pflaumenmarmelade. Möglicherweise von einem Wildschwein sogar! Wie kommen die da rein?

Ich denke derzeit ziemlich genau über die Entstehung dieses Pfannkuchens nach, es interessiert mich wirklich brennend, denn der Teig und die Glasur waren, abgesehen von den Borsten, sehr, sehr lecker. Und warum sollte ich mutmaßen, dass die unterbezahlte Bäckereifachverkäuferin ihren Schrubber oder ihre Haarbürste vor Wut oder vor Verzweifelung oder auch nur versehentlich in den Teig gepfeffert hat? Vielleicht wachsen im Garten des hauseigenen Familienbetriebes ja Pflaumenbäume? Und mitten in der Erntezeit überraschte Frau Schleckermäulchen ein paar verspätete Wildschweine versehentlich bei der Rauschzeit? Ich bin mir sicher, dass es nur so und nicht anders gewesen sein kann. Morgen kauf ich Obstkuchen. Zur Schleckermäulchen-Dynastie, so nehme ich an, zählen auch ein paar Kirschbaumplantagen. Und gerade haben Luchse, Marder und Feldhasen Brunftzeit. Sollen Hasenpfoten nicht auch Glück bringen? Jetzt muss man sich mal vorstellen, man findet eine in seinem Kuchen! Das wäre ja ein unfassbares Erfolgserlebnis, ich wage kaum, mir das näher auszumalen.

Verenas Weltlaterne

Cash Mob für Avi

Eine ganze Stadt liebt diesen Mann und seinen Laden

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Avi Gandhi liebt seinen Laden. Als seine Frau an Krebs erkrankt, schuftet er 12 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Doch das Geld reicht nicht. Dann haben seine Kunden eine sensationelle Idee.

Manchmal sind es die kleinen Geschichten, die einen berühren. Geschichten von einfachen Leuten, die meinen, nur kleine, unbedeutende Dinge zu tun, für die sich keiner interessiert. Menschen wie Avi Gandhi. Seine Story ist in unserer konsumorientierten Geiz-Gesellschaft wie eine wärmende Decke und zeigt, dass man mit Zusammenhalt und Mitmenschlichkeit so viel erreichen kann. Avi Gandhi lebt in einem kleinen Vorort von New York. Als Kleinunternehmer hat er seinen eigenen Laden. Die Leute lieben ihn, weil er eine ganz besondere Art hat. Eine Kunde ist bei Avi nämlich nicht einfach nur ein Kunde, er ist in erster Linie ein Freund, um den er sich kümmert.

Ein Leben im Laden

“Avi ist wirklich der netteste und ehrlichste Kerl, den ich kenne”, so einer seiner Kunden. Ein anderer ergänzt: “Ich liebe ihn einfach, wir alle tun das.” Und obwohl Avi sich einer treuen Stammkundschaft erfreut, die er sich in all den Jahren aufgebaut hat, blieb er von finanziellen Schwierigkeiten nicht verschont. Denn seine Frau erkrankte an Krebs. Zwar überlebte sie die schwere Krankheit, aber das Paar blieb auf den Arztrechnungen sitzen, die so hoch waren, dass Avi um seine Existenz fürchten musste.

“Ich arbeite hier 12 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. So ist das nun mal, wenn man einen Laden hat. Es geht ja nicht nur mir so, sondern allen Ladenbesitzern. So einen Laden zu managen – das ist eine “One-Man-Show”, sagt Avi und ergänzt mit tränenerstickter Stimme: “Und das war in den letzten Jahren nicht anders gewesen, ich habe so gut wie keine Zeit mit Bharati verbracht. Ich war nicht bei ihr, als es ihr so schlecht ging, ich war im Laden, immer nur im Laden”.

Auch als seine Frau im Krankenhaus war, blieb Avi im Laden, um die Geschäfte am Laufen zu halten und die vielen Arztrechnungen begleichen zu können. Dennoch fühlt er sich schuldig, sagt er. Und obwohl er alles in seiner Macht Stehende getan hat, um das finanzielle Desaster zu meistern, nahmen die Rechnungen Überhand und der Kleinunternehmer war gezwungen, seinen geliebten Laden dichtzumachen.

Levittown liebt Avi

Was Avi in seiner misslichen Lage aber unterschätzt hat, sind seine treuen Kunden. Die beschlossen nämlich, ihrem Avi unter die Arme zu greifen. “Ich sagte nur, wäre es nicht cool, wenn wir uns alle zusammentun und Avi helfen würden? Wir könnten seine Regale leer kaufen, wir könnten für ihn sammeln”, so Dennis, einer von Avis Kunden und weiter: “Avi hat es verdient zu erfahren, dass wir alle ihn lieben, ich glaube nicht, dass er weiß, wie sehr wir das alle tun!”

Also beschlossen Dennis und seine Frau einen sogenannten “Cash Mob” zu organisieren, an einem Tag, an dem alle Kunden für Avi und seine Frau Geld zusammenlegen und bei ihm einkaufen. Über 100 Leute nahmen an der Hilfsveranstaltung teil. Eine Flut von Helfern, die Avi komplett überraschte. Immer mehr Kunden stürmten seinen kleinen Laden. Im Schockzustand sagt Avi: “Was ist hier nur los? Irgendwas stimmt nicht! Das ist doch nicht real!”
Am Ende eines erfolgreichen Verkaufstages richtet Avi sich noch einmal an seine Kunden: “Ich liebe euch alle. Jetzt müssen wir nur noch beten, dass ich mein Geschäft behalten kann”.

Bei dem Cash-Mob für Avi kamen mehr als 600 Dollar zusammen, vielleicht nicht genug, um ihn aus der finanziellen Schlinge zu ziehen, aber mehr, als er sich jemals erträumt hatte: Freunde, die ihm helfen und an ihn glauben.

“Jack the Ripper” – Rätsel um den berühmtesten Serienkiller der Welt gelöst

Oh, wie ich es liebe, wenn ich in meinem Job über die Dinge berichten darf, die mich so richtig, richtig, richtig interessieren. Alles was mit Mord und Spurensuche zu tun hat zum Beispiel. Ich wäre am liebsten Kommissarin bei der Kripo. Oder von mir aus auch der Spurenschnüffelköter oder der Praktikant bei der SOKO. Aber man kann ja nicht alles sein. Jedenfalls Leute, haltet Euch fest, sind’se jetzt wohl dem bösen “Jack the Ripper” auf die Spur gekommen. Den gesamten Text könnt Ihr bei N24 lesen. Der Mörder, nur so viel, war jedenfalls nicht der Gärtner. Einfach auf das Foto klicken, ich hab den Text verlinkt.

Jack The Ripper( Screenshot)

365 Tage

Oh Vater, 365 Tage sind seit deinem Tod nun schon vergangen und ich habe fast vergessen, dass ich mich noch gewundert habe, weil es kein bisschen wehgetan hat, mit einer offenen Wunde am Herzen durch die Friedhofspforte zu gehen. Ein Abschied ohne große Worte. Mutter hatte erst überlegt, einen Redner zu bestellen, aber jedes Wort, das er gesagt hätte, wäre nur von schwachem Trost. Und im Grunde wollen wir auch keinen, weil du gar nicht wirklich gegangen bist.

Auf dem Schreibtisch standen noch Wochen später die Blumen, die du Mutter vom Aldi mitgebracht hast und für die sie dich noch angeschimpft hat, weil sie angeblich nichts taugen. Und auf der Sofalehne liegt immer noch das Buch, das du zuletzt gelesen hast, mit deiner Lesebrille zwischen den Seiten. Keiner räumt es weg. Hinter den Sofakissen versteckt, dein brauner Geldbeutel, zehn Euro darin und ein Foto von Mutter aus den Achtzigern mit wilder Frisur.

Als der kleine Trauerzug sich in Bewegung setzte, regnete es, wie im Film, in Strömen. Ich hatte eine Brille mit dunklen Gläsern auf der Nase und Mutter sah in ihrem schwarzen Kleid aus wie die Witwe eines Mafiabosses. Kurz flammte in mir die Hoffnung auf, dass das vielleicht gar nicht das echte Leben sein könnte, doch dann spielte hinter den Grabsteinen der Trompeter deine Musik und man wusste sofort: das ist unser Leben. Das alte neue Leben nach deinem Tod.

Ich hatte ein bisschen Sorge, dass Mutter für den Trompeter auch was Schnelles von den Beatles ausgesucht hat und wir allesamt vom Friedhofsgelände fliegen. Wegen Ruhestörung. Aber Mutter hat ein gutes Händchen für diese Dinge und der Trompeter trompetete sanft in den grauen Himmel. Als ich an deinem Grab stand, wünschte mir in diesem Moment, dass es einen Schlüssel gebe, den ich mit den Blütenblättern in die aufgeschüttete Erde werfen könnte.

Ich will dich nur einmal noch drücken, dachte ich, just in dem Moment, in dem mir klar wurde, dass man Menschen im Herzen tragen, aber dort nicht einschließen kann. Ich will nur einmal noch Schauspieler-Namen mir dir erraten, nur einmal noch gegen dich beim Karten spielen verlieren, nur einmal noch deine Koteletten stutzen und hinterher von dir mordsmäßig angemeckert werden, weil sie so schief und krumm geworden sind, nur einmal noch im Armdrücken mein Bestes geben, nur einmal noch inbrünstig mit dir streiten und uns totlachen, wer von uns beiden die besseren Kraftausdrücke parat hat – Satan, Himmel, Arsch und Zwirn!

Ich will nur einmal noch nicht einschlafen können, weil dein Schnarchen über alle Flure tönt, nur einmal noch wegen deines schrecklich miesen Kaffees ein Fass aufmachen, nur einmal noch deine Kekse klauen, und dein Parfüm, deine Lederweste, deine angesparte Kohle aus dem Goldfischglas. Nur einmal noch von dir wegen Stromverschwendung zurechtgewiesen werden oder wegen eines schlechten Buches, das ich geschrieben habe. Nur einmal noch am Fenster winken, einschlafen, aufwachen, Linsen mit dir essen.

Ich hab mich nicht verabschiedet, weil ich mich nicht verabschieden muss, weil du da bleibst, ganz ohne blöden Schlüssel. Ich muss nur aufpassen, dass ich regelmäßig ein und ausatme, wenn ich dich wieder mal in fremden Menschen erkenne. Und dass ich mich nicht am Leben verschlucke, wenn ich über deinen Tod nachdenke.

Ein Jahr ohne dich, im Hintergrund spielt heute den ganzen Tag John Lennon.

Vater, Anfang der 80iger, Silower Landstraße, Cottbus

Vater, Anfang der 80iger, Silower Landstraße, Cottbus

Die Uhrwerkartigkeit unseres Lebens

Ich muss ja nicht groß erklären, dass die Welt vor die Hunde geht, und diese Tatsache nicht nur eine blöde umgangssprachliche Pauschalierung ist, von Leuten, die schnell mal schwarz malen. Aber weil wir uns in unserem eigenen Mikrokosmos suhlen und es uns da hübsch gemacht haben, kriegen wirs halt nicht so schnell mit oder wollen es auch nicht mitkriegen. Durchaus verständlich.

So führen wir, fernab aller Kriege, weiter unser hektisches, vielbeschäftigtes Leben: im Job, zuhause, auf Facebook. Wir habens immer eilig und müssen schnell irgendwohin, aber wenn man sich mal die Zeit nimmt und auf der Rolltreppe, abends im S-Bahnhof, stehenbleibt, muss man aufpassen, dass man nicht zur Seite geschubst wird. Wir echauffieren uns, neben der aktuellen politischen Lage (Krieg in Syrien, Krieg im Irak, Krieg aus Versehen, Krieg im Nahen Osten, Krieg im Herzen) mal kurz über arme Arbeiter in Fabriken: Bei der Jeansherstellung, bei der Automontage, bei der Wurstherstellung. Und so wirklich juckt uns das nicht, weil es, erstens, weit weg ist, und zweitens, wir im Grunde auch nichts anderes sind, als aus einer Wurstmaschine quellende Würstchen.

Mein Gehirn fühlt sich mittlerweile wie ein Uhrwerk an, in das Sand hineingekommen ist, bald dreht sich mein Rädchen nicht mehr, was ich mit Besorgnis zur Kenntnis nehme und mich gleich umso beunruhigter fühle, weil ich keinen genialen Einfall habe, was ich dagegen machen kann, außer erstmal die Augen zu schließen, den Mund zu halten oder mir Oropax in die Lauscher zu stopfen, wie die da oben. Saufen wäre noch eine Möglichkeit, die mir auf Anhieb einfällt, aber das macht man ja ohnehin schon in Ma ß ss en.

Die Uhrwerktätigkeit unseres Lebens ist uns nur selten bewusst. Warum sollte sie auch, hat ja schließlich keiner Lust, andauernd drüber nachzudenken, dass er irgendwann ins Gras beißt. Aber das sollten wir! Wir sollten öfter darüber nachdenken, dass eines Tages Sense ist. Dass wir nicht ewig leben. Überall, wo ich dieser Tage hingehe, habe ich mehr als sonst das Gefühl, dass die Menschen wie ein Uhrwerk sind: Bei vielen ist schon Sand drin, bei einigen wenigen noch nicht. Die meisten funktionieren irgendwie. Und am Ende des Tages glauben sie, sie könnten einfach an einem kleinen Rädchen drehen.

Und dann merken sie, dass da gar keins ist.

Regen