Günter ist ein Anarcho

Neulich als ich im Hof stand, um mal wieder ’ne halbe Stunde an meinem verrosteten Fahrradschloss rumzufummeln, das ich auch im fünften Anlauf nicht aufbekam, bemerkte ich, wie eine Katze um meine Beine schlich. Es war eindeutig: Sie wollte schmusen und verlangte nach Streicheleinheiten. Also kraulte ich die Mieze ein bisschen und schickte sie dann wieder zur ihrer Kumpelfreundin, die schon angestrengt an der Ecke wartete. So eine Miezekatze ist schon ’ne feine Sache, dachte ich. Katzen sind eigen und stolz und gehen einem nicht so auf die Nerven, wie kleine Köter, mit denen man zehnmal pro Tag pissen gehen und Stöckchen werfen muss. Ich habe natürlich nichts gegen Hunde, aber Katzen sind doch viel pflegeleichter. Als ich die kleine Katze abkraulte und mir ihr Schnurren so sehr gefiel, überlegte ich kurzerhand, ob ich nicht das Halsband öffne und die Mieze einfach mitnehme. Ich könnte Miezis neues Frauchen werden. Sozusagen. Aber dann hielt mich von diesem hinterhältigen Unterfangen folgendes Anekdötchen ab, was mir schlagartig durch die Synapsen schoss, als ginge es um Leben und Tod: Die Schwester meines Mackers, zog es eines Tages vor, sich für ein Jahr aus dem hübsch- hessischen Fulda, nach Südafrika zu verabschieden. „Weil da immer so schön warm ist!“, meinte sie. Also hat sie in Good old Germany alles verkloppt: Haus, Hof, Hund und Katze. Sie hat immer in Saus und Braus gelebt. Die Schwester. Die Gören auch. Sie waren sehr dekadent und versprühten schon mit dreizehn ihr eigenes Kinderparfüm, Chanel versteht sich. Und weil die ganze Familie so verwöhnt war, lag es nahe, dass die Tiere der Herrschaften das natürlich auch waren. Und zwar bis zum Gehtnichtmehr. „Geht nicht!“, hieß es plötzlich auch, als die Frage aufkam: Wohin mit den treuen Familienfreunden? Die kann man ja nicht mitnehmen. Man kauft- vor Ort- Neue und sowieso wollten die Kinder „schon immer so einen richtigen Hirtenhund.“ Also haben sie den Köter zu Hause kurzerhand eingeschläfert. Das war aber wirklich eine ganz spontane Entscheidung, die keinem leicht gefallen ist. Es gab zudem in letzter Zeit Probleme mit den Nachbarn. Ja, und Poldi war „ohnehin krank“ und alt und es geschah „nur zu seinem Besten“. Den Kater, einen fetten roten, Namens Ginger, bekamen wir. Also fuhr ich an einem Montagmorgen allein nach Fulda und bin am Abend zusammen mit „Ginger“ für einundachtzig Öro in den Zug gestiegen und zurück nach Berlin getuckert. Ginger hat gewaltig Terz gemacht und zwar die ganze Fahrt. Beruhigen ging nicht. Er hat gebissen und gekratzt. Also habe ich ihn bläken lassen. Blieb mir ja nichts Anderes übrig. Die Oma neben mir hat geguckt, als wolle sie mich umbringen. Die imaginären Pfeile aus ihren Augen nahm primär nur der Kater wahr.

In Berlin angekommen, zeigte ich Ginger sein neues Umfeld. Fand der gar nicht toll, diese 2- Raum Wohnung im ersten Stock eines Hinterhauses. Der war richtig sauer, der verwöhnte Kater! Plötzlich war nichts mehr mit: Vorm Kamin rumlümmeln, Sheva fressen, auf Macker machen und die Nachbarsmiezen von der eigenen Wiese verscheuchen. Es hatte sich ausgescheucht. Von jetzt auf gleich. Ginger hat in seiner Eingewöhnungsphase dreimal demonstrativ in unser Bett gepieselt. Kurioserweise immer auf meine Seite, obwohl ich diejenige war, die ihn streichelte, liebkoste und Fresschen gab. Aus der Eingewöhnungsphase ist er nie mehr rausgekommen. Jedenfalls nicht bei uns und weil ich seine Antipathie nicht mehr dulden wollte und wusste, das meine Mutter auch „ganz gut mit Katzen kann“, habe ich Ginger zu ihr geschleppt. Nähe Oder- Neiße Friedensgrenze, wer’s genau wissen will. Mann, war der Kater eingeschnappt! Er verschlechterte sich von einer Altbauwohnung mit hohen Decken und abgezogenen Dielen in eine Neubauwohnung, Marke P2, was soviel wie Plattenbau im Osten heißt. Der Vater meinte echauffiert: „Ginger, Ginger. Das ist doch kein Name für einen Kater! Das passt nicht zu uns! So ein verwöhntes, dekadentes Viech.“ Er taufte Ginger kurzerhand in Günter um, weil das einfach besser zum Umfeld passte. In der Platte heißen die Tiere oft wie ihre Herrchen: Günter, Benno, Lars und Susi. Von diesem Schock erholte sich der Kater nicht und sprang in den Freitod, wie wir fälschlicherweise dachten. Als der Herr Thiel mit Benno Gassi ging, hat er den Günter in der Hecke gefunden. Angeblich! Neben Günter, so sagt Herr Thiel, soll das Schälchen mit den Leckerlis für Susi gestanden haben. Leer. Wir glauben das bis heute nicht, weil Susi kein Sheva bekam und das war das Einzige, was Günter fraß. Ein Grund mehr, warum der Kater die Schnauze vermutlich voll hatte und sich nach Polen absetzte: Er kam nicht mit unserem Mittagbrot klar. Und Polen ist ja ganz in der Nähe. Es gibt bis dato immer mal wieder unbestätigte Gerüchte, dass Günter ein radikaler Anarcho geworden sein soll. Passiert ja heute schnell mal, wenn man im sozialen Randgebiet lebt. In Anbetracht dieser unglücklichen Umstände, zog ich es vor, die Mieze im Hof doch nicht zu klauen. Damit ich nicht in Versuchung geriet, besorgte ich mehr schleunigst ein neues Fahrradschloss.

 

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