Wer war vor hundert Jahren hier?

Neulich war ich eher wach, als viele andere. Der Clou ist, dass ich noch nicht geschlafen hatte. Hungrig verspeiste ich einen Amerikaner. Sofort übermannte mich die Angst, dass mir das auf den Magen schlagen könnte. „Kind“, würde Mutti raunen: „Mach dir nicht so viel Gedanken über ungelegte Eier!“ … Und diesen Ratschlag, den sie so oft gab-, Kippe rauchend auf Balkonien, nahm ich mit, als ich versuchte mich in den Schlaf zu wälzen. Überall lauerten meine Träume und ich wollte um sie herumkommen, indem ich die Augen offen hielt oder an den Stuck der Decke starrte, in dessen Ecken barocke Putten kleben. Wer hat nachts genau dieselben Putten bestaunt?, fragte ich mich.

Wer lebte, wohnte, liebte, schlief 1904 in diesem Zimmer? Wer stritt sich hier, um 1912? Wer räumte Anfang 25 um? Wer schob Mitte 34: Tische, Stühle, Bänke? Wurde in dieser Ecke vor 62 gemalt? Oder nur herumgefuchtelt? Bis Mai 45 gelitten, nach 89 gelacht, geliebt, gesungen, geträumt, ab 2000 durchgetanzt?

Was waren das für Leute, die vor mir da waren? Konnten die auch manchmal nicht einschlafen? Ärgerten sich mit ihren Ideen, Idealen und Visionen darüber, dass sie kämpfen mussten und dabei nicht einmal wussten, wofür. Weil das zuviel Wahrheit bedeutete, vor der sie Angst hatten. Weil sie ahnten, dass sie das in die Knie zwingen könnte. Und das wollten sie nicht. Denn sie brauchten das Geradegehen, um sich besser zu fühlen. Wer kriecht schon gern, es sei denn, ins eigene Bett?

… Und da lag ich: weich und tröstlich, mit den Gedanken an jene, die vor mir hier waren. Denkt nicht, ich mach die Augen zu, ohne die Sensoren offenzuhalten.

Verena Maria Dittrich

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