Sonntagsblick

Wir wohnen in begehrter Lage, einem Loft, mit Zimmern- groß wie Tennisplätze- einer grandiosen Fenstergalerie mit Sonntagsblick in den wolkenverhangenen Augusthimmel. Links, die Spitze des Fernsehturms, rechts Alleen und Weitblick. Wir mittendrin. Alles ist hip, heiß, kreativ, modern und nie gemäßigt. Morgens kann man barfuss über hundert Jahre altes Parkett tippeln, das neu riecht, der Balkon: eine Terrasse wie für Könige. Wir blicken auf denkmalgeschützten Backstein aus dem 19 Jahrhundert, wenn wir auf die andere Straßenseite sehn und sind mittags die ersten, die die Sonne wachkitzelt. Wir öffnen Flügeltüren mit vergoldeten Klinken und fühlen noch heute wie gestern der Jugendstil Einzug hielt. Man legt die Hand aufs Herz und denkt: Wunderbar!
Selten gibt es Probleme. Kaum der Rede wert. Die Eingangstür hat sich vor 30 Jahren selbst ausgehängt. Genauso lange kämpft der SPAR-Markt, Parterre, um Aufmerksamkeit. In seinen staubigen Regalen lümmeln Kümmerlinge und Klare für wenig Geld und davor Verlorene, die den Schrott erst kaufen und dann vernichten. Runter damit! Am besten in dem Gang hinter der ausgehängten Tür, der früher ein Hausflur war. Manchmal muss einer pullern und pisst gegen die Wand. Was oben reinkommt, muss unten wieder raus. Aber die Wohnungen sind herrlich geflutet. Es stört nicht, dass an jeder Tür Einbruchsspuren sind. Alte und neue, notdürftig verputzt. Die Aussicht entschuldigt Geräusche und die meisten Gerüche. Brechstangen brauchen einen starken Arm der sie führt und Pinkler müssen sich auch immer noch den Hosenstall selbst öffnen. Beides geht manchmal daneben. Ein Glück, dass die Wohnung nur neunhundertvierundsiebzig €uro kostet. Wir sind geborgen.

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