Freigeister saufen schöner

Gesa macht seit Neuestem Diät. Sie meint, jetzt, wo sie ein bisschen über dreißig ist, müsste das noch mal sein. Es wäre mit dem Abnehmen nicht mehr so leicht wie früher, als Gesa noch 29 oder 28 war und sowieso schadet es nicht, mal ein bisschen auf die Ernährung zu achten. Mehr Rohkost wäre gut, nicht jeden Tag Butter und Brötchen und vor allem dieses wahllose Balisto- und Bounty-Gefresse ist Gift für die Figur. Pures Gift. Ich hab‘ zu Gesa gesagt, dass es doch vollkommen reichen würde, wenn sie abends mal weniger pichelt. Gesa kippt sich nämlich täglich zwei Gläser Rotwein hinter und das sind ja auch Kalorien und so.

Nein, sagt sie, an dem Rotwein läge es nicht, der sei gut fürs Nervensystem und sie als Freigeist kann gar nicht so viel trinken, wie sie denkt und überhaupt: Alle Freigeister saufen. Das Trinken diene der inneren Wahrheitsfindung und als Erkennungsmerkmal unter ihresgleichen, auch wenn Gesa allein zu Hause ist. …Und ich, so Gesa, könnte ruhig (sic!) bei ihrer Diät mitmachen. Würde mir nicht schaden, sagt sie. Bei einer Größe von 1,63,25m sind zwar 55 kg okay, aber letztens, als ich mutig Röhre trug, meint Gesa, wäre ihr links außen der ein oder andere mittelgroße Rettungsring aufgefallen. Aha! Soso, hab’ ich geantwortet, was für Gesa ein „Ja, ich mische mit“ bedeutete und dazu führte, dass sie sich freute wie ein Kind über Buntstifte und toll fand, dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen.

Im Flur, an der Pinnwand hängen zwei A4 Blatt-Listen. Die zeigen die Wochentage, links steht mein Name und rechts Gesas und dann steht da noch FRÜH, MITTAG UND ABEND und ich solle da täglich und ehrlich reinschreiben, was ich verputze. Gesa hat gestern früh eine halbe Stulle mit Lachsaufstrich gegessen, ne Tasse Kaffee getrunken, mittags gab es frische Luft und abends hat sie sich wieder ihre 2 Gläschen Rotwein genehmigt, drei Minuten Sit ups gemacht und kurz das Zimmer nach anderen Freigeistern abgesucht. Heute meinte sie, als sie vorm Spiegel stand und sich in die Taille fasste, dass sie schon richtig spüre wie die Pfunde schmelzen, sie fühle sich auch gleich viel leichter und gesünder und so. Nur dass die Hosen am Hintern ein bisschen zu schlackern beginnen, fand sie nicht so toll, aber die können wir ja dann auch tauschen, sagt sie, falls mein Hintern breiter wird. Auch der Rest meines Körpers obliegt neuerdings ihrem strengen Blick. Man muss sich Mühe geben, dass alles so schön bleibt, wie es jetzt noch aussieht, sagt sie und fragt anschließend, ob ich heute noch zu Aldi gehe. Nö, zu Lidl, meine ich und frage, ob ich ihr ein paar Töpfe Basilikum mitbringen soll. Nein, antwortet Gesa, brauchste nicht, aber ne Flasche Wein wäre nicht schlecht, zwei wären spitze.

Von dem Erfolg bin ich nicht überzeugt, zumal Gesa irgendwie nach ihrem Alten kommt, aber das ich so denke, darf sie nicht wissen, sonst kürzt sie mir wieder die Rationen. Gesas Vater ist übrigens auch Freigeist.

 

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