7:3 für Bolski

Bolski beugt sich nach vorn und federt mit der Ferse fachmännisch ab. Er hebt das Knie in Zeitlupe und zieht den Arm bis ganz nach hinten durch. Seine Augen funkeln siegessicher. In den Mundwinkeln Speichel, der trocken geworden ist. In Sekunden. Ich spiele mit Bolski Tischtennis. Zum ersten Mal. Kann ja keiner ahnen, dass Hobbyangaben von Kollegen sofort geprüft werden, dachte ich noch, bevor ich dem Turnier zusagte. Der Journalist Bolski ist Chef vom Dienst und meinte letztens beim Thema Sport: „Tischtennis wird unterschätzt“. Die Leute behaupten, dass Tischtennis kinderleicht sei und nicht der Rede wert. Aber gut spielen würden die Wenigsten. Am besten sind die Chinesen, ja, die Chinesen sind im Tischtennis erste Sahne. Denen macht keiner was vor. Aber heute, so Bolksi spielt kein Deutscher mehr gutes Tischtennis. Der Sport sei aus der Mode gekommen und sowieso können die Meisten, wenn überhaupt, höchstens Ping Pong. Der Chef war sichtlich erregt. Ich wusste nicht, wie ich ihm schonend, und ohne anzugeben, beibringen sollte, dass ich ziemlich gut im Tischtennis bin. Also habe ich einfach ganz direkt gesagt: „Ich mach’ dich alle!“ Irgendwo im Fernsehen habe ich mal gesehen, dass man nicht zu bescheiden sein soll. Am besten ist, wenn man mit seinen Talenten und Stärken so richtig schön hausieren geht. Das würde dem Gegner Angst einjagen und Respekt und so. Leider erinnerte ich mich nicht, um welche sportliche Disziplin es sich dabei handelte, was ich verschwieg. Dass Bolski sich von einem einzigen Sätzchen derartig provoziert fühlte, konnte ich zum damaligen Zeitpunkt nicht ahnen. Dass die Wetteinsätze sich in vierundzwanzig Minuten verdoppelten übrigens auch nicht. Ich bin wahnsinnig, dachte ich, als ich in ein hochdotiertes Match einwilligte. Falls ich gewinnen sollte.

Bolski beugt sich nach vorn und federt mit der Ferse fachmännisch ab. Er hebt das Knie in Zeitlupe und zieht den Arm bis ganz nach hinten durch. Seine Augen funkeln siegessicher. Kurz hält er inne und streicht sich den Scheitel zur Seite, als würde er sich für das Siegertreppchen herrichten. „Dieser Sieg wird lange währen“ sagt Bolski theatralisch, denn diesen Sieg hat er sich “verdammt noch mal“ seit Ewigkeiten verdient. Er tut so, als würde er um sein Leben spielen, denke ich und beobachte seine Hände. Ein letztes Mal flüstert er sich Mut zu, streicht sich noch einmal über den Scheitel und zieht das T-Shirt glatt. „Ich pack’ das“, sagt er, „ich pack das!“. Er ballt die Hand zur Faust und da ist nichts, was ihn unsicher machen könnte und Bolski sagt auch selbst, dass heute sein Tag ist. Heute.

Nur noch einmal tief Luft holen und vielleicht eine rauchen, meint er und guckt in die Sonne. Mit ernstem Gesicht. Seine Augen tränen, aber das sieht keiner. Zwischen seinen Mundwinkeln klebt immer noch Weiß, denke ich und sag’ es ihm. „Scheiß drauf!“, erwidert Bolski und wischt sich den Speichel mit dem Ärmel weg. Bolski ist 40 und hat, wie er findet „lange genug verloren“. „ Ich hab’ mehr Kohle verballert, als du in deinem Leben verdienen wirst“, sagt er und wünscht sich, dass die Floskel ein bisschen geläutert klingt, aber das tut sie nicht. Seit Jahren arbeitet der Journalist Bolski nebenbei im Wettbüro. Pferdewetten gehn am besten, meint er. „Pferdewetten und Boxen.“ Er verdient „mordsmäßig“ und klingt unzufrieden. Aber jetzt ist das alles kein Thema, denn jetzt mach’ ich dich alle“, sagt er und seine 40-jährigen Kinderaugen funkeln fast durch mich hindurch. „Wackle nicht so herum“, befiehlt er und „Stell dich gerade hin“, wirft er ins Feld. „Hör auf zu lachen! Du willst mich alle machen? Nein, ich mach’ dich alle“ und noch mal: „Ich mach’ dich alle.“ Er federt wieder. Verwegen zeigt er beim 7:3 auf seine Gürtelschnalle, als wolle er ablenken. „Die habe ich vor Jahren bei einer Spielwette verloren und neulich zurück gewonnen. Für die Hälfte!“, sagt er und so richtig weiß man nicht, worauf der Chef hinaus will. „Warst du schon mal beim Pferde-Wetten?“, fragt er, hält sich die Kelle vor die Augen und grinst. Er hat schon wieder dieses weiß gewordene Zeug zwischen den Mundwinkeln, denke ich und stelle mir vor, das er mich küssen will.

Bolski beugt sich erneut nach vorn und federt mit der linken Ferse fachmännisch ab. Er hebt das Knie in Zeitlupe und zieht den Arm bis ganz nach hinten durch. Seine Hand hält die Kelle wie eine Siegerprämie. Er sieht mich an, lächelt und singt: „Ich fick’ das Wett-Geschäft“, zappelt wild und schaut in den Himmel. Er spielt Tischtennis wie ein Gewinner und verliert das Spiel, dass er vor Jahren begonnen und nur einmal gewonnen hat. Aber das weiß keiner, denkt Bolski und bläst erstmal eine durch.

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