Ich bin ein Geisterschreiber

Neulich ist einer auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich für ihn schreiben will. „So richtig professionell, mit allem drum und dran!“, hat er gesagt.

Ich war Feuer und Flamme und konnte mich vor meinem inneren Auge in den größten Gazetten selber lesen. Eine Kolumne übers Leben stellte ich mir vor. Weibliche Politikerinnen, Palin, Merkel, Ypsilanti, Kinofilme, Berichterstattungen aus Berlin, New York oder Cannes. Her damit! Kunterbunt habe ich mir das ausgemalt.

Eine Kolumne! Ja.

Von mir aus auch aus Hintertupfingen oder Oberammergau. Egal. Kolumne, Artikel, Berichte. Ich schreibe drüber: Sie wollen wissen, was morgen angesagt sein wird, über welches Buch diskutiert wird, wer mit wem, wieso, warum weshalb? Ich schreibe. So habe ich mir das gedacht und war sehr angetan über das Angebot einer Kolumne, das es gar nicht gab.

Denn es handelte sich bei der Frage lediglich um einen Ghostwriter-Job. Als wenn das nicht traurig genug wäre, offerierte mir der neue Beinah-Chef „explizit“, worum es sich bei dem Jobangebot handelte. Ich war entsetzt. Von der imaginären „Kolumnistin“ war ich nun eine Geisterschreiberin, die für faule Studenten Hausarbeiten schreibt.

Meine neuen Auftraggeber sind anspruchsvoll. Wissen genau was sie wollen. Eine Einleitung sollte dabei sein. Und eine Gliederung? Ja, eine Gliederung ist ein Muss. Wenn man allerdings nachbohrt und fragt, wie sie die ganze Chose gegliedert haben möchten, sind sie mit ihrem Latein schon wieder am Ende. Hauptsache die Arbeit ist 15 Seiten lang, hat ein Literaturverzeichnis mit astreiner Sekundärliteratur, einen coolen Titel, der die Neugier des Lesers weckt und natürlich darf der rote Faden nie fehlen.

Der Auftrag lässt sich in „Standart-Zeit“ abarbeiten, was bedeutet, dass man 48 Stunden für eine Arbeit zur Verfügung hat, die normalerweise in 3 Monaten geschrieben wird oder aber man ist ganz gewieft und traut sich zu, einen Eilauftrag anzunehmen. Der muss dann innerhalb von vierundzwanzig Stunden erledigt werden, sonst gibt’s kein Cash.

Einmal bin ich mit der Auftragslage durcheinander gekommen. Eh’ ich mich versah, hatte ich 2 Eilaufträge auf einmal an der Backe. Aber ist ja nicht so schlimm. Macht man ja schon mal. Schließlich ist Wochenende, die Freunde sind verreist, man hat nichts zu beißen und kalt ist außerdem.

Ich hatte die Fingerspitzen unaufhörlich in Bewegung und fühlte langsam, wie die Wärme meinen Körper durchflutete. Plötzlich ging ich richtig in meinem neuen Job auf. Vergessen war der Wunsch nach einer eigenen Kolumne. War mir vollkommen schnurz. Wen interessieren Beck, Palin oder Obama, wenn man was über den ersten Kaiser von China schreiben kann? Der Kaiser hatte eine eigene Armee und baute die größte Mauer der Welt. Er nannte sich Qin Shihuangdi und war dick im Geschäft. Ich wette, die Hälfte der Leser meiner Beinah- Kolumne hätten nicht gewusst, wie der erste Kaiser von China heißt. Wenn ich berichte, dass die Mauer, die er gebaut hat, nicht nur die größte der Welt, sondern auch eines von sieben Weltwundern ist, bin ich sicher, dass einige fragen: Welche Weltwunder? Welche Mauer? In diesem Zusammenhang hört man immer wieder Überlegungen wie: „Äh, du meinst doch jetzt nicht etwa die Mauer, die in Berlin Friedrichshain steht?“ Nein, unsere Mauer meine ich nicht, sondern die Chinesische.

Zurück zu den zwei Eilaufträgen. Beim ersten, der Abhandlung über China, lernte ich etwas über die böse, böse Kulturrevolution. Mit diesem Wissen fing ich sofort an, die Tassen mit den chinesischen Schriftzeichen in die hinterste Reihe des Küchenregals zu räumen.

Der zweite Auftrag befasste sich mit der „Montagetechnik“ in dem Roman: „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin. Ist natürlich auch interessant. Denn hier lernte ich viel über den bürgerlichen Roman, der gar nicht so bürgerlich war, wie der Name fälschlicherweise suggerierte. Es hat ein paar Jährchen gedauert, bis man dem bürgerlichen Roman auf die Schliche kam. Aber als es soweit war, fackelte man nicht lange und ersetzte ihn kurzerhand durch einen anderen, den modernen.

Seit diesem Wochenende begann ich meinen neuen Chef ins Herz zu schließen und meine Arbeit zu mögen. Sie wurde mir durch den Döblin-Auftrag richtig vertraut. Ja, sie führte mich in eine phantastische Welt. Und weil Döblin zu den Schlüsselfiguren der literarischen Moderne gehörte, schien mir ein Exkurs zum Terminus zwingend nötig. Ich fühlte mich mit meinem neuen Wissen wie neugeboren und konnte nicht glauben, was alles modern ist: Kurze Sätze sind modern. Alte Möbel sind modern. Blau ist modern. Schnell leben ist modern, langsam Essen aber auch.

Der Satz: „Modern sind alte Möbel und junge Nervositäten.“, hat mich so bestärkt, dass mein grippaler Infekt sofort verschwand. Hingegen hat mich Bahrs Ansicht, dass die Moderne „eine fiebrige Krankheit“ sei, die nur in unserem „Wunsch existiert und draußen und überall ist, außer in uns“, stutzig gemacht. Ja, was denn nun? Können die sich mal entscheiden? Und dieser Adorno! Der meinte, dass „die Zerrüttung das Echtheitssiegel der Moderne“ wäre. Ich hätte ihm am liebsten eine vor den Latz gehaun. Denn DAS wusste ich auch schon und was hat’s mir gebracht?

Nichts. Ich stand mir selbst im Weg. Meine Philosophenlaufbahn nahm eine Abzweigung. Zerrüttet schrieb ich die Semesterarbeit zu Ende und war nur ein klein wenig ärgerlich, als mein Chef anrief, um mir mitzuteilen, dass die Kundin ein „völlig falsches Thema“ in Auftrag gegeben hatte. Huch, dachte ich. Aber er lenkte sofort ein und meinte: „Jetzt haben Sie sich nicht so! Das kann jedem passieren. Irren ist menschlich!“ Und modern, hab ich gesagt und schrie nervös den grauen Hinterhof zusammen.

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