Mädchen

Noch einmal hinschauen, obwohl man es schon hundert Mal getan hat. Noch einmal über Farben nachdenken und überlegen, welche man am meisten liebt. Mit beiden Händen und geschlossenen Lidern versuchen, sie zu fühlen. Schwarz wirkt immer eben, Lila angeraut, Rot zu lackiert, Weiß fühlt man nie. Noch einmal den Kopf zur Seite und die Hand auf die Brust legen und das zu schnelle Pochen darunter bemerken, aber nicht erröten. Tief ein- und weit ausatmen und dabei lächeln. Heimlich, im Spiegel. Die Augenbrauen halb kritisch nach oben ziehen und sich fest auf die Unterlippe beißen, damit das Nachfragen ernst genommen wird oder wenigstens so aussieht. Sich größer machen und drehen, immer wieder, auf Zehenspitzen.

S.A. Rudi Neuland, 2002

Noch einmal hinschauen, obwohl man es schon hundert Mal getan hat. Sich keine Gedanken über Süchte machen. Nicht jetzt! Jetzt nur fühlen wie Lila wirkt und Zweifel ignorieren. Für eine Minute. Dem schlechten Gewissen sagen: „Jeder braucht Veränderungen. Man muss Entscheidungen treffen.“ Sich einreden, dass diese die Beste des Tages war, obwohl das Beste fremd ist und schmerzt. Man hofft, dass sich das ändert, obwohl man aus Erfahrung weiß, dass es manchmal einfach so bleibt: Fremd und schmerzlich. Die Farben verblassen mit der Zeit, das Steife passt sich gelegentlich an und wird weich wie Tempera. Man weiß, dass man sich an den Schmerz von heute, morgen fast nicht mehr erinnert. Man sieht nur seine Spuren, aber die deckt man mit Beige sorgfältig ab.

Noch einmal hinschauen und sich fast fiebrig fühlen, auch wenn es bis zum Abend nicht anhält: Dieses kleine Stück vergängliche Freude. Egal. Es ist der Moment, der zählt! Jetzt gibt es nur uns, Euch und mich, mit der blutig gebissenen Unterlippe und der Hand auf der Brust, unter der es zu schnell pocht, zwischendurch. Die anfängliche Entzückung weicht immer dem Zweifel. Daran hat man sich längst gewöhnt und nie gelernt, ihn zu vergessen. Und trotzdem auf Zehenspitzen stellen, sich drehen und mit beiden Händen fühlen, wie Lila wirkt. Hinschauen und sich wie beim ersten Mal freuen, obwohl man es schon Hundert Mal getan hat: Schuhe kaufen.

„Lieblinsgschuhe“ M.B. 2007

 

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