Wie viele Super-Stars verkraften wir noch?

Die Sonne stand noch nicht im Zenit, als Gesa wieder einmal feststellte, dass sie sich erstens zu einseitig ernährt und zweitens notorisch pleite ist. „Es kann nicht sein, dass man den ganzen Tag Vollkornbrot und Korbkäse mit Kümmel frisst“, meint sie, obwohl genau das in den nächsten Wochen das von ihr favorisierte Gericht werden sollte: Korbkäsestulle. Aber abends gibts Rotwein, weil der gut fürs Blut ist. Gestern, nach dem ersten Gläschen Bordeaux hat sie mich in ihr Zimmer gebeten und fragte, warum sie- mit Anfang Dreißig- den Arsch noch nicht an die Wand bekommen hätte und immer noch studieren würde: „Wie machen das die anderen? …Verdienen einen Haufen Schotter. Die haben Probleme! Machen sich Sorgen um ihre Anlagen und Moneten“.

Gesa hat nichts zum Anlegen, höchstens den Spanner von gerade rüber, der täglich in unser Bad glotzt. Kohletechnisch geht ihr bereits der Arsch auf Grundeis, wenn die Sachbearbeiterin vom Bafög-Amt in Urlaub fährt, bevor der Antrag fürs neue Semester befürwortet ist. Dabei hat Gesa so viele Ideen, aber es fehle ihr erstens an Durchsetzungsvermögen, zweitens am Eigenkapital (Kredit kann sie auch vergessen, kriegt’se nicht, denn sie hat mehrere Schufa-Einträge und außerdem hätten die Banken momentan selber zu knapsen. Bei Medi-Max wollte’se ne Kamera auf Raten kaufen, wurde aber nach eindeutiger Prüfung abgelehnt) und drittens fehle es ihr an den Kontakten und vor allem an Zeit.

Gesa ist Studentin der Landschafts-Architektur und hat viel um die Ohren. Die meiste Zeit investiere sie in Gruppenarbeit und Gemeinschaftsreferate. Die macht sie mit einem, dessen Mutter früher mal Mick Jagger- Groupie war. Es könnte also durchaus sein, dass Ronny- so heißt der Studienfreund- ein heimlicher Sohn Jaggers ist, was man ihm aber nicht ansieht, weil er vom Butterkekse- Konsum aus dem Leim gegangen ist. Das würde nicht stören, wenn nicht das Problem wäre, dass Gesa mitfrisst. Wenn sie über ihre Gesundheit und das menschliche Gehirn redet und so, möchte ich ihr am liebsten zum Medizinstudium raten. Da hat sie Talent. Sie verarztet jeden in der WG, dessen Seele blutet, unentgeltlich. Erst heute früh war wieder so ein Fall: Da kam Dieter mit hochrotem Kopf nach Hause und schrie, dass uns alle verarschen und es ihm bald reichen würde, wenn das so weitergeht, „mit denen da oben“. Er würde langsam „zum Schwein“ und erzählte was von einem Schwarzbuch und das „die da oben“ unsere Kohle verjubeln. „Deine doch nicht, hab’ ich gesagt, du hast doch gar keine!“, aber Dieter meinte das Geld der Deutschen im allgemeinen. „In Milliardenhöhe haun die das aus dem Fenster, in Milliardenhöhe! „

Als wir mit dem schimpfenden Dieter so in der Küche saßen und zuhörten, fragte Mick Jaggers möglicher Sohn Ronny, ob Dieter nicht wüsste, „um welches Fenster es sich dabei im Genauen“ handeln könnte. Aber das wusste er nicht und ließ sich von Gesa den Rücken streicheln. Dieter unterbrach seinen Monolog nur für ein paar Tropfen Baldrian.

… Und da saßen wir- die komplette WG und zwei Gäste, morgens halb neun und redeten über unsere Zukunft. Wir verloren uns in Gesprächen über junge Star-Autorinnen die Bücher über Hämorrhoiden schreiben, die sie „ihren Muschis“ widmen, damit wahnsinnigen Erfolg haben und bald nicht mehr wissen, wo sie mit dem ganzen Zaster hinsollen. Vielleicht schreiben wir ein Buch über das kurze Leben einzelner Stress-Pickel in unseren Gesichtern oder über die Angst- im Alter- inkontinent zu werden. Vielleicht, schlug Gesa vor, sollten wir uns mal richtig darüber auskotzen, dass es das Fernsehen fast geschafft hat, auch den Letzten zu verblöden. Kann nicht endlich mal jemand anprangern, dass deutsche Fernsehmacher der kreative Hirntod ereilt hat?

„Hat schon jemand, und zwar Kalkofe direkt und Reich-Ranicki indirekt“, meinte Dieter. Und was ist mit dem ganzen Tittenalarm, von dem man auf keinem Sender mehr verschont wird? … Oder mit den beschrubbten Shows, in denen sich alle Beteiligten komplett nackig machen- vor allem geistig- und Moderatoren einer ganzen Nation beweisen, dass sie mit Nichts in der Birne trotzdem beim Fernsehen gelandet sind? Oder vielleicht gerade deshalb? Während die Banken fast pleite sind, kann man immer noch überall Hunderttausende von Euro gewinnen, neuerdings sogar beim Universitäts-Radio. „Vielleicht sind wir nicht blöde genug“, meint Gesa. Vielleicht sollten wir uns die Möpse nach oben schnallen und ne Anfrage bei RTL 2 starten. Oder wir werden Köche! Aber wenn, dann natürlich nur TV-Star-Koch oder Star-Anwalt, Star-Moderator, Super[Star]-Model, Nachwuchs-Star, Star-Designer, Star-Kritiker, neuer deutscher Super-Star, Pop-Star, Comedy-Star, Fernseh-Star oder Fußball-Star. … Und als Fußball-Star hat man wiederum Chancen, Soap-Star zu werden, wie es Effe uns gelehrt hat. Hui, wäre das toll, man bekäme seine eigene Sendung und könnte dem sich fremdschämenden deutschen Fernsehzuschauer ungefragt zeigen, wie dämlich man morgens vorm Zähneputzen aussieht.

Plötzlich fiel unser Blick auf Ronny, Gesas Studienkumpel, der sich halb abwesend über die dritte Packung Kekse hermachte und vielleicht- ja, ganz bestimmt sogar- der verlorene Sohn des Rolling Stones-Sängers ist. Wir sahen ihm zu, wie er sich verträumt die Krümel vom Revers wischte und wussten in diesem Moment, dass er möglicherweise unser Ass im Ärmel sein könnte und beschlossen, Mick Jaggers Gedächtnis über die Anzahl seiner unehelichen Kinder kostenpflichtig auf die Sprünge zu helfen.

 

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