Komm ruhig her

Als Kind war ich schon Wochen vor dir aufgeregt. Nachts habe ich in meinem Bettchen gelegen und konnte nicht einschlafen und wenn ich – Stunden später – vor Erschöpfung in bunte Träume fiel, habe ich dich im Schlaf in den schönsten Farben gesehen. Wir haben getanzt und gelacht und Oma hat ihren berühmten Blechkuchen gebacken. Mein Zimmer roch nach Zimt und Pflaumen.

Ich konnte dich kaum erwarten und wollte immer so hübsch sein, wenn du endlich da warst. Mein Herz hat bis zum Anschlag gepocht und Mutter hatte Sorge, dass ich dich vor Aufregung und Vorfreude nicht überstehe. Früher trug ich oft blaue Kleider, die sind dann später kürzer geworden. Eines Tages habe ich es mit dem Hübschmachen nicht mehr so genau genommen, denn ich wusste, dass du auch so kamst.

Dann habe ich mir einen Zopf gebunden und die Wimpern getuscht und zweimal habe ich Kerzen angezündet. In den Neunzigern verschlief ich dich. Irgendwann gab es eine Zeit, in der ich dich ignorierte. Dann habe ich in Socken und versifftem Pulli vor dem Fernseher gesessen und wollte nichts wissen. Doch das ist jetzt vorbei, denn ich gemerkt, das viele mit den Jahren beginnen, dich nicht nur zu ignorieren, sondern auch zu verleugnen. Viele haben im Alter Angst bekommen. Ich noch nicht. Bestimmt, ja ganz bestimmt, werde ich mich ein bisschen auf dich freuen und wieder eine Kerze anzünden. Vielleicht werde ich kein blaues Kleid mehr tragen, aber hübsch mache ich mich trotzdem. Komm ruhig her, ich renn‘ nicht weg.

Geburtstag.

 

888882

Advertisements