Einmal auskotzen oder: Bitte spenden Sie jetzt!

Manchmal will ich nur noch den Kopf schütteln und – von dem was draußen passiert- nichts mehr hören. Der Deutsche versinkt zum überraschenden Wintereinbruch in vorweihnachtliche Melancholie und glotzt jedes Jahr mit dem gleichen bedrömmelten Gesichtsausdruck in die Kiste, wenn Medien über Staus berichten, weil Manni die Schneeketten vergessen hat oder Jurek aus Warschau mit seinem Hänger auf der A2 liegengeblieben ist. Jahrein, jahraus der gleiche Schnee: Autos wurden vom Sturm umgepustet, vorne hat es gekracht, hinten hat einer gepennt und ist drauf gefahren. Huch! Da hat uns der Winter aber kalt erwischt! Dabei haben wir noch bis gestern dem verregneten Sommer hinterher geheult und nicht die dicken Wintermäntel aus den hinteren Reihen des Regals hervorgekramt. Auf Privatsendern werden debile Reporter nicht müde, kleine fette Kinder zu filmen, die Spaß am Schneemann bauen haben und der armen Oma Trude Schneebälle ans Küchenfenster klatschen. Das machen die Kekskinder solange, bis es rumst und Oma ein Machtwort spricht.

Auf einem anderen Sender beginnt, pünktlich zur besinnlichen Zeit, Spendenmoderator Wolfram Kohns dem labilen TV-Gucker auf den Senkel zu gehen. Jeden November auf ein Neues: „Verehrte Zuschauer, bitte spenden Sie für die Ärmsten der Armen. Wir freuen uns über jeden Cent.“ Bernd, der seit 2 Jahren von Hartz 4 lebt übrigens auch. Damit aber der Geldbeutel des Zuschauers ein bisschen lockerer sitzt, werden fortlaufend die Fressen irgendwelcher B- und C-Promis eingeblendet, die natürlich selber auch schon ganz viel gespendet haben. Einige B-Promis sitzen sogar live im Studio und betreuen die Spendenhotline. Wenn man Glück hat, knöpft einem Jungbrunnen Birgit Schrowange persönlich die Kohle ab und mit super viel Glück sogar „Der Preis ist heiß“-Moderator Harry Weinfurt oder jemand von GZSZ. [Die Soap-Stars sind der Gipfel! Sie versprechen den 12-17-Jährigen beschrubbte Komparsenrollen, was soviel bedeutet, dass man einmal lautlos durchs Bild latschen darf, während der eine Soap-Star dem anderen eine knallt oder so. Und schon flitzen die 13-Jährigen los und holen Papis Hammer, um das Sparschwein zu zerkloppen. Viele Jungendliche verjubeln für: Einmal Rumstapfen am Set von „Nur die Liebe zählt“ sogar ihr komplettes Kommunionsgeld.]

Während des gesamten Spendenmarathons wird gehörig auf die Tränendrüse gedrückt und ein Herzschmerz-Bericht nach dem anderen eingeblendet: Ein Ex-Tennis-Star geht- gekrümmt vor Wehmut – durch ein Dorf in Eritrea und tanzt dann ein bisschen mit den Einheimischen, ein Ex-Schwimm-Star steht in einer Suppenküche und quatscht mit vierundzwanzig Kindern, die sich nichts sehnlicher wünschen als eine warme Malzeit oder- wenn das Geld reicht- ein paar Turnschuhe von Nike, damit sie in der Schule nicht mehr gehänselt werden. Die Krönung der Farce liefern etliche ausrangierte Film- und Fußball-Stars, sowie ein paar Medienschlampen.

Einer kann leider nicht so lange beim Spendenmarathon bleiben, da er noch anderweitig Verpflichtungen hat und wird mal eben mit dem Privatjet nach Dubai geflogen. In Dubai muss man schließlich unbedingt dabei sein, wenn ein Hotel eingeweiht wird, das an Dekadenz -und nebenbei gesagt auch an Hässlichkeit- kaum zu übertreffen ist. Alle, die in Dubai über den roten Teppich flanieren, sind unheimlich und wichtig und haben was zu sagen, aber in dem Moment, wo sie es könnten, grinsen sie nur blöde in die Kameras und winken. Dann wird noch ein bisschen über nachtblaue Spaghettikleider philosophiert, die aus echten Pailletten sind (Oh! Tatsächlich?) und während Spendenmoderator Kohns mit Welpenblick auf RTL weiterbettelt, berichtet Pro 7, dass Boris nicht mehr Sandy, sondern wieder Lilly von vorne an die Glocken fasst. Gegen Mitternacht verballert man in Dubai auf einen Schlag 20 Millionen Dollar, denn zur Hoteleröffnung will man sich nicht lumpen lassen. Das größte Feuerwerk aller Zeiten ist bombastisch und verwandelt den Himmel in ein prächtiges Farbenmeer. Für zehn Minuten staunen alle Anwesenden und halten den Atem an, sogar die indischen Wanderarbeiter vor ihren Baracken am Stadtrand, die monatelang für niedrigste Billiglöhne gearbeitet haben und dafür sorgten, dass alles so schön reibungslos klappt.

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