Geschlagene 4 Minuten

Neulich war ich mal bei einem Personaler. Kaffee trinken und so. Er fragte mich, während ich ein bisschen verwirrt über den Ausschlag auf meinem Dekolléte war und mir in einer Übersprungshandlung erst am Ohr und dann am Rocksaum zupfte: „So, Sie haben also studiert. Haben Sie währenddessen auch praktische Erfahrungen gesammelt? Berufspraxis, Nebenjobs?“

Da habe ich ein Momentchen überlegt und dann sagte ich ihm, dass ich 1a Teamqualitäten hätte, stressresistent und belastbar sei, prima rechnen könne und über psychologisches Wissen verfüge. Er wollte, dass ich ihm erkläre, wie ich das explizit meine. Also habe ich mal aus dem Nähkästchen geplaudert:

Im dritten Semester war ich beispielsweise Kellnern. Da lernt man eine ganze Menge, vor allem die Schnauze zu halten. Das ist gar nicht so einfach. Anfangs regte ich mich ständig auf, aber ich gewöhnte mich an den Job. Man lächelt die ganze Zeit blöde rum und sieht aus wie ein Pinguin. Obwohl das schon schräg genug war und es auch andere possierliche Tierchen im Gehege gab, war es oft ein Dilemma.

Frühestens, wenn vor Arbeitsantritt die Wäscheausgabe schon „ZU“ hatte und ich lediglich ein weißes Herrenhemd in Größe 50 und eine Weste in Größe 54 ergatterte und hinterher nicht wusste, wo ich den ganzen Scheiß von oben, unten hinstecken sollte. Hosen verlieh man nämlich vorzugsweise in Größe 158, weil’s davon reichlich gab und die keinem Schwein passten. Aber wozu gab es Bistroschürzen? …Und goldene Manschettenknöpfe, die ich mir bei Herrn Harracsiszc lieh, dessen Name keine Sau aussprechen konnte und deshalb alle nur Harry nannten.

Harry wollte, dass ich ihm für das Leihen auch irgendwann „mal was Gutes tue“. Bis heute weiß ich nicht, was er damit gemeint hat. Bei Harry lernte ich im Team zu arbeiten. Besonders intensiv, wenn er „mal schnell eben eine rauchen“ ging und ich allein für 80 Tische zuständig war.

Einmal saß die Tatjana Gsell an Tisch 9 und schnipste mit ihren hübsch lackierten Fingerchen: „Frollein, wir warten hier schon geschlagene 4 Minuten. Ich denke, das ist ein First-class-Hotel?“, hat sie geträllert. Die Tatjana hat ein Omelett bestellt und weil die blöde Kuh mich so nervte, habe ich ihr – ebenfalls in geschlagenen 4 Minuten- eine Fliege unters Ei gebettet. Prima Grab fürs Insekt, Proteine für die Dame, dachte ich. Natürlich hat sie das nicht gemerkt, sie war zu sehr mit ihrer Oberweite beschäftigt. Harry übrigens auch. Aber ich habe nicht nur im Restaurant dieses Nobel-Zoos gedient. Oft sollte ich auch „auf Etage“. Das ist so ein Service, wo man das Essen auf einem Wägelchen ins Zimmer karrt, blöde die Hand nach Trinkgeld aufhält und meistens keines bekommt. Einmal musste ich dem Udo Lindenburg Sekt servieren. Diskretion war natürlich auch hier oberste Priorität.

…Und so merkte Udo gar nicht, dass ich ihm die Hälfte der Pulle versehentlich auf die Hose kippte. Meine Belastbarkeit habe ich auch oft unter Beweis stellen müssen. Meist, wenn an Tisch 1 zwei Bordstein-Schwalben saßen, mit denen ich am Tage gemeinsam Vorlesungen besuchte, die abends ihr Geld aber anders verdienten als ich. Wegen Mandy und Su konnte ich nie pünktlich Feierabend machen, weil die mit einigen der Gäste und manchmal auch mit Harry wichtige Dinge „auf Etage“ zu klären hatten. Der Personaler hat ganz schön geschluckt. Er wurde plötzlich rot, was mich ein wenig irritierte. Ich meinte dann ermutigend: „Ich hab’ auch mal beim Film gearbeitet!“

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Vergessene Kurzgeschichte: War mal Platz 8 bei den Surfpoeten.

Ist jetzt auf Platz 24. Oh!

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