Hosenträger Jungs

In der Mode ist alles erlaubt! Was heißt das? Alles was Spaß macht, alles was gefällt oder alles, was gerade in ist und bei H&M hängt? Machen wir uns wirklich noch bewusst Gedanken darüber, was wir tragen? Wie wichtig ist es, modisch auf dem neuesten Stand zu sein? Gewiss ist Mode nicht eine Frage des Alters, aber hat man die Probiererei nicht spätestens mit Mitte 20 hinter sich? Da denkt man sich doch: Ich brauch’ den ganzen Scheiß nicht, ich schlüpfe in meine bequeme Jeans, in mein bequemes 0815-Shirt von Woolworth und gut is’. Ändert sich das Modegefühl wenn man älter ist?

Damals in der Zone, ich weiß nicht, ob ich das schon mal gesagt habe, gab’s nicht so viel. Klamottentechnisch war die DDR auf dem vorletzten Stand. Hinter der DDR kam nur noch die Sowjetunion. Sogar Polen war modemäßig frisierter als der Osten. Es gab mal eine Zeit, ich war 11 oder so, da bin ich nur ins Ferienlager gefahren, weil man dort die Gelegenheit hatte, mit polnischen Kindern neonfarbige Schnürsenkel oder Hosenträger mit Smileys zu tauschen. Hosenträger mit Smileys waren in den Achtzigern bei Zonenkindern der letzte Schrei und grundsätzlich verliebte ich mich nur in Jungs, die Hosenträger trugen.

Eines Tages kam ein Neuer in unsere Schule: Blond, Karotte mit Hosenträger und Wham-Sticker, Neonfarbige Schnürsenkel und- jetzt kommt’s: Knöchelturnschuhe mit Klettverschluss! Es war um mich geschehen. Nächtelang kein Durchschlafen. Oma wurde daraufhin drangsaliert in den Westen zu fahren und wenigstens eine Quarzuhr mitzubringen oder- falls das Geld reicht- einen coolen, blauen Anorak mit Reißverschlüssen und anderem Gedöns an den Schultern. Stattdessen bekam ich hautenge 7/8 Jeans mit Reißverschlüssen an den Waden und der Clou: Schleifchen überm Verschluss. Die blöde Hose ging zwar oben nicht richtig zu, aber wenn man große T-Shirts (natürlich mit Kapuze) trug, ist das gar nicht aufgefallen.

Im Jahre 1985 brach der Sommer schon im März an und wer welche hatte, trug sie: Plastiksandalen. Vermutlich würde ich heute mit den Plastikschuhen von damals einen neuen Trend auslösen. Jedes Magazin würde sich um ein Shooting mit mir reißen. Man sollte seine Klamotten einfach mit einer selbstverständlichen Selbstverständlichkeit tragen. Scheiß auf den ganzen Prada-Mist!

Simmel hat mal über die Psychologie der Mode geschrieben. Das ist lange her und man muss Simmel nicht kennen, um Mode zu verstehen. Hatte Simmel Recht, als er sagte, die Mode ist ein „Tummelplatz für Individuen, welche innerlich und inhaltlich unselbständig und anlehnungsbedürftig sind, deren Selbstgefühl aber doch einer gewissen Auszeichnung, Aufmerksamkeit und Besonderung bedarf“? Mehr noch: Laut Simmel erweist sich die Mode „nur als ein einzelnes, besonders charakterisiertes unter jenen mannigfachen Gebilden, in denen die soziale Zweckmäßigkeit die entgegengesetzten Strömungen des Lebens zu gleichen Rechten objektiviert hat.“ Kurz: Wird vollkommen überbewertet. Ich frage mich, ob Simmel seine Hosenträger drunter oder drüber trug.

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