Rosenkranz und Frikassée 2008

Januar

Ich habe das erste Mal Vanillepudding gekocht und ihn anschließend ins Klo geschüttet. Drei Jahre ist es schon her, seitdem du gegangen bist. Die Lücke, die du hinterlassen hast, ist nicht zu füllen.

Februar

Im White Trash war drei Wochenenden hintereinander fürchterliches Gerangel. An einem Samstag kam ich mit T. an den Kontrollen vorbei, ohne zu zahlen. Zwei Stunden später flogen wir aus dem Club, weil ich mich mit einer Kellnerin prügelte, die mich kurz zuvor beschiss.

März

Ich habe „Fleischi“ kennengelernt. Er trug die gleiche Jacke wie ich, aber einen anderen Haarschnitt. Von meinem neuen Arbeitsplatz winke ich halb Berlin. Fast täglich fahre ich in den 16. Stock des Hochhauses. Über mir ist nur noch der Himmel, neben mir ein Snack-Bär und Bolski. Ich muss lernen, den Kaffee auf dem Weg nach oben nicht zu verschütten. Manchmal sehe ich meine Texte auf dem Schirm schwarzweißkariert, ohne gesoffen zu haben. Ich beschließe, Fielmann zu testen.

April

Viermal habe ich an die Lavendelfarm in Auckland gedacht, auf die ich nicht gezogen bin. Ostern machte ich pochierte Eier und erwischte den Mann von gerade rüber, wie er von seiner Küche aus in unser Bad lukte. Mit Fernglas. Gesa lief schamdurchpulst im Flur auf und ab und faselte was von: „Ich bring die Sau um!“ oder so ähnlich.

Mai

Das war der Monat, in dem die meisten Freunde Jahrestag feiern. Ich habe Seppis 28-sten vergessen und riss J. vier graue Strähnen vom Kopf, weil sie es so wollte. T. wünschte sich irgendwas von Jette und bekam mehr Blumen als eine Hollywood-Diva.

Juni

Am 12., 17. und 24. tunkte ich meine Füße in das nasse Kalt des Liebnitzsees und trat mindestens dreiundreissig mal in die Pedalen des Tretbootes, als ginge es um mein Leben. Zweimal schrie ich, als S. sagte, dass der weiße Hai hinter uns her sei und er im Hintergrund „irgendwas Bedrohliches und Spitzes erkennen“ könne.

Juli

Der Monat entzieht sich meinen Erinnerungen.

August

Es ist schon zwei Jahre her, als wir in Kayamandi waren und mit Waisen spielten. Im Township hatte es drei Tage und zwei Nächte lang gebrannt. Auch der Tafelberg brannte. Alles war hell erleuchtet und Kapstadt versank in Glut und Asche, als der Strom ausfiel. Ich lernte ein Mädchen aus Kayalitscha kennen und Wellington, den Gärtner. Mittags fürchtete ich mich manchmal vor den Affen auf der Garage und abends fühlte ich mich oft schlecht, weil wir fast täglich Hunderte Rand in feinen Restaurants ausgaben, während das Mädchen aus Kayalitscha vielleicht nichts hatte.

September

P. lernte die Blog-Welt kennen und beschloss direkt danach, sie wieder zu verlassen. O. schrieb immer seltener und arbeitete zu viel. C. hatte die dritte Chemo hinter sich und pfiff auf Perücken. Ich drückte mich vor Krankenhausbesuchen und wechselte Schmerzpflaster wie eine Memme.

Oktober

Meist flach gelegen, Grippe.

November

Mehr Vitamine

Weniger Alkohol

Mehr schreiben

Mehr lesen

Mehr Sport

Mehr Liebe

Ein Jahr mehr.

Dezember

Mutter feierte an Nicolaus 55-sten. Vater war depressiv und las tagelang, ohne einmal aufzustehen. M. tratschte im Treppenhaus über unabgeholten Müll und Herrn Wolter. K. lässt sich die Haare wachsen und sieht aus wie ein Straußenbaby. Weihnachtskarten sind geschrieben worden. Vater war heute zur Abendmesse, bei der Heiligen Kommunion und zur Beichte. Ich betete zweimal den Rosenkranz. Als wir heimkamen, machte Mutter Frikassée. Seppi schaute im Gästezimmer: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Ich schälte Apfelsinen, als er mich fragte, ob wir noch den alten Schlitten haben.

 

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