Champs-Élysées der Eitelkeiten

Endlich wieder ein freies Wochenende, das war was Feines! Deshalb wurde die wertvolle Zeit genutzt, um mal wieder am Hackeschen Markt herumzuscharwenzeln. Der Hackesche Markt ist- für diejenigen, die ihn noch nicht kennen- ein Epizentrum des gesellschaftlichen Irrsinns eine Champs-Élysées der Eitelkeiten, ein beliebtes Plätzchen in Berlin-Mitte mit vielen Geschäften und noch mehr Touristen. Er hat sich in den letzten Jahren verändert und oft seine Kleider gewechselt, aber eines ist in der ganzen Zeit gleich geblieben und zwar, dass man sich einen Sparziergang dorthin eigentlich (sic!) sparen kann. Lohnt sich nicht, das weiß man genau, aber immer wieder denkt man sich: „Mensch, jetzt biste schon ne Weile nicht mehr dort gewesen. Vielleicht hat sich ja was zum Positiven verändert.“ Aber das hat es nicht. Der Wahnsinn begegnet einem bereits am Anfang, noch auf Höhe der Torstrasse, wenn man die Alte Schönhauser entlang spaziert. Links vorne ist das hippe Schicki-Lokal: Monsieur Voung, vor dem sich immer, aber auch wirklich immer und zu jeder Jahreszeit die, die was von sich halten und vor allem auf gesunde Ernährung achten, die Füße platt stehen. Denn das Lokal ist- wie gesagt- stets gerammelt voll und weil man unbedingt gesehen werden will, wie man sich beim Mit-Stäbchen-Essen zum Affen macht, wartet man eben solange draußen, bis drinnen ein Plätzchen frei wird, was dann meistens im Gang oder gleich neben der Tür ist.

Bei Monsieur Vuong ist es unheimlich laut, weil jeder durcheinander sabbelt und sich auch schon mal über Zimmerlautstärke mitteilen muss, dass man gestern noch lange bis nach Mitternacht auf der Eröffnungsparty der angesagten Modemesse „Bread & Butter“ abgehangen- und rein zufällig Supermodel Eva Padberg am Buffet getroffen hat. „So gut wie auf den Fotos sieht die ja nun auch wieder nicht aus!”, berichtet der Insider exklusiv.

Wer also in Berlin in- und wichtig sein will, lässt sich für die Bread & Butter akkreditieren. Sowieso sind in unserer Supi-Mode-Metropole die meisten schon von ganz alleine wichtig, denn irgendwie haben alle rund um den Prenzlauer Berg ein flottes, schräges Design-Büro oder arbeiten an vielversprechenden Projekten. Geld spielt natürlich keine Rolle. Es ist auch nicht schlimm, dass man sich die Miete oder die saugeilen Adidasschuhe aus der neuen Kollektion überhaupt nicht leisten kann, denn wenn man schon arm ist, muss man ja wenigstens nicht so aussehen!

In Berlin ist es ohnehin außerordentlich wichtig, sich mit seinem Styling irgendwie auszudrücken, auch wenn man weder was zu sagen- noch was zu melden hat. Man ist mutig, experimentierfreudig und in der deutschen Hauptstadt auf jeden Fall forever young, auch wenn man schon Mitte Vierzig ist. Rund um den Hackeschen Markt gibt es viele coole Läden, in denen der noch unsichere Trendsetter, der sich – Gott sei Dank! – aber schon sicher ist, dass er Mainstream irgendwie uncool findet, richtig zuschlagen kann.

Am beliebtesten sind gewagte Kombinationen, die sich aus edlen Designer-Stoffen, sündhaft teuren Turnschuhen und Second Hand-Accessoires zusammensetzen. Es gibt hierfür am Hackeschen extra einen überteuerten Second Hand Shop, der seine Pforten auch am Wochenende für die total Bekloppten offen lässt. Dort gibt es zum Beispiel hässliche Nuttenstiefel von Deichmann, die – als sie noch im Regal des Billigschuhladens standen – keine Zwanzig Euro gekostet haben, jetzt aber das Doppelte “wert” sind, weil sie getragen wurden und – bloß nicht vergessen zu erwähnen! – in einem total angesagten Laden in Berlin-Mitte stehen und folglich ruhig „was mehr“ kosten dürfen. Logo! Ui, da freut sich die trendfixierte Ragazza aus Mailand, als sie die ausgelatschten Stinker zur Kasse schleppt. Heute Abend wird sie die Teile mit einem mega angesagten Shirt von Ed Hardy kombinieren und modemäßig garantiert den Vogel abschießen. Sowieso: Das Mode-Label Ed Hardy ist für den Trendbewussten ein absolutes Must Have, auch wenn ein Totenkopf T-Shirts genauso bunt und dusslig wie das andere aussieht. Macht nix, Hauptsache teuer. Dass der Designer des Labels, Christian Audigier, nur noch Schampus säuft und täglich in seinen vergoldeten Jacuzzi pinkelt, ist den zahlungswilligen Modetrolls wurscht. Schließlich tragen die beliebten Shirts auch Stars wie Madonna. Und die muss es ja wissen! Denn auf das Trendgespür von Madonna ist Verlass. Dass die Fünfzigjährige aber längst nicht so koscher ist, wie sie mit ihrer Kabbala weiß machen will, sollte man spätestens bemerkt haben, als sie der halben Welt gezeigt hat, wie sie in Blanko-Schlüpfern den gefühlte 40 Jahre jüngeren Justin Timberlake angetanzt hat.

… Sollte ich vielleicht auch mal machen, den Hackeschen in Schlüppis hoch und runter stolzieren, am besten in zarten fleischfarbigen von Oma. Dazu trage ich eine fesche Windjacke mit modischen Schulterapplikationen aus der ehemaligen Zone und fertig ist der Lack bzw. der letzte Schrei. Aber mal im Ernst: Wohin das Auge am Hackeschen Markt auch blickt, man sieht Ladenfenster-Reklame nur noch auf Englisch, unzählige Touris, Fashion-Victims, Beautys mit Täschchen von Miau Miau (oder so ähnlich) Solarium gebrutzelte Womanizer mit Plastetüten (drei weiße Streifen- was sonst?), Extravagante und Models. Sie alle eint ein großer Slogan: „Wir sind speziell individuell!“

Man muss vor lauter Individualität Obacht geben, dass man sich vorm nächsten Gold angestrichenen Schicki-Laden nicht übergibt. Das ist ein ziemlich schräges Gesellschafts-Phänomen, denke ich, während ich mir vor dem Autospiegel eines auf dem Gehweg geparkten Jaguars die Taubenscheiße vom Revers wische.

 

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