Holt die guten Teller raus!

Oh, das wird den Muttis nicht gefallen! Selbst meine eigene wird eins, zwei Tränchen der Trauer vergießen, da bin ich sicher: Die gute alte Meissner-Porzellan-Manufaktur ist finanziell schwer angeschlagen. Ein 300-jähriges Unternehmen packt vielleicht bald die Geige ein oder besser: das Geschirr zusammen. Nun hat sich die Firma in (Krisen)-Zeiten wie diesen zwar einen neuen Geschäftsführer an die Backe genagelt, aber der soll wenigstens Tacheles sprechen und nicht blöde rumdrucksen. Denn das ist das Letzte, was die Firma jetzt braucht. Der neue Boss ist von der Sorte: Macher, hat schnell den Überblick und weiß, „was die Reichen so brauchen und lieben“. Betuchte- und zwar alle durch die Bank!- mögen, wenn es strahlt und glitzert. Meissner Porzellan hat ja nicht umsonst den Namen: Weißes Gold.

meissner-porzellan

Viele Reiche sind durch die Krise gebeutelt, und weil so mancher deshalb nur noch Zwanzigtausend Euro statt Fuffzigtausend pro Tag auf den Kopf haun- und verbraten kann, gibt es nun als besonders feines Schmankerl einen Outlet-Store.

[Foto: lolitas.se]

Dort bekommt man Geschirr mit winzigen Fehlern: Abgebrochene Henkel und so…, die der Laie auf den ersten Blick nicht sehen kann und überhaupt: Die meisten Porzellan-Käufer sind sowieso Stammkunde bei Fielmann. Mit dem neuen Outlet-Store könnte Meissen auch jüngere Kunden locken, die das edle Porzellan so benutzen, wie es den Machern vorschwebt – als Gebrauchsgegenstand für den Alltag und nicht als Staubfänger in der rustikalen Schrankwand von Möbel-Höffner. „Der Spaß am Porsche kommt ja schließlich auch erst mit dem Fahren“, sagt der neue Chef und sorgt damit glatt für Obama- Feeling, auch wenn die böse Krise schlimme Kratzer auf den edlen Tassen und Tellerchen hinterlassen hat. Der neue Boss ist gewieft. Er denkt nämlich zweimal nach, einmal nach vorn und gleichzeitig zurück und weil es Meissner Porzellan schon seit Ewigkeiten gibt, werden oberflächliche Trend-Begriffe und dämliche Anglizismen wie „Lifestyle“ sofort aus dem Firmenvokabular gestrichen. Richtig so! (Für den Begriff „Outlet-Store“ will man sich auch noch was Deutscheres einfallen lassen.) „Wir wollen keiner Mode nachlaufen, wir produzieren Kunst im Luxussegment“, so der Teller-Boss, der auch die internationale Präsenz der Marke ausbauen will, vor allem in der Golfregion, sagt er, weil die dort nunmal zahlungskräftiger sind als zum Beispiel in der Region: Oder-Neiße-Friedensgrenze.

Den meisten Umsatz macht das Unternehmen dennoch in Japan und China. Tolle Gerichte wie Rinderpuller an Ameisenreis oder gegrillte Büffel-Eier gehören schließlich auch auf tollem Geschirr serviert. Leuchtet ein. Das Auge isst mit. Nicht nur in China.

Ich wünsche mir von Mutti, dass der Kartoffelsalat zu Ostern auf Omas Erbstücken serviert wird. Muss man sich mal vorstellen: Da hat man die halbe Hütte voll mit gutem Meissner-Porzellan und dinniert stets mit Ikea. Wir sind einfach zu bescheiden.

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