Die richtige Richtung

-Eine Kurzgeschichte-

„Am Wochenanfang nimmst du dir immer viel vor, kriegst aber bis zur Mitte nichts auf die Reihe“, meckert Valerie und wird nicht müde: „Sonntag sagst du, morgen verändere ich was, gehe joggen. Berg runter, Berg runter, Berg rauf und dann ist Montag und du schaffst nicht mal das Wort zu buchstabieren und zu allem Dilemma auch keine gerade Strecke. Denn du bewegst dich kaum, nicht mal zurück.“ Ich hab’ Valerie rausgeschmissen, obwohl sie Recht hat. Vielleicht.

[Leszek Skursi: Kleine Pause]

Wenn der Wecker klingelt, heißt es noch: Gleich wird gesteppt, gejoggt, gezappelt, verändert, getanzt, die Schnürsenkel gebunden und in den Tag gesprungen. Mittenrein. Vorher wird im Bett gefrühstückt. Müsli mit Joghurt. Immer. Das ist gut fürs innere Gleichgewicht, liefert Vitamine, Ballaststoffe und diese neuen Bakterien, mit denen man älter als Iggy Pop wird, aber nicht so aussieht. Die Ballaststoffe sind dann meist so sättigend, dass ich erst mal Pause machen und mich ausruhen muss.

Dann liege ich im Bett und schiele auf den Nachttisch mit den vielen Büchern, die sich darauf stapeln und auf denen wiederum der Staub. Ich sollte wieder lesen. Früher habe ich viel gelesen. Irgendwann war’s vorbei. Weiß der Geier warum. Ja, ich lese wieder. Ab Morgen. Jetzt erstmal Kaffee. Kaffee ist gut. Schlapp bewege ich mich in die Küche. Abwaschen sollte ich, fällt mir auf. Ach, was ich alles sollte! Vielleicht sollte ich mich einfach nur wieder ins Bett legen. Die Küche kommt mir fremd vor. Ich habe Probleme, das Besteck zu finden, eine Tasse, Tabletten, den Mülleimer. Im Schrank, kaum Geschirr. Es ist so wenig, dass ich nach der dritten Tasse spülen muss. Nichts mit Tellern von Oma, guten Gaben von Mutti, Einweihungsgeschenken von Freunden. In meinen Schränken stehen nicht witzig karierte Jumbotassen. Es gibt kein einziges Namenstässchen, nichts mit Goldrand, nichts mit Gravur. In meinen Schränken ist Leere. Das hat irgendwas was von Weitblick, denke ich, kann’s aber nicht erklären und muss gähnen. Gleich wird gejoggt. Gleich. Und was verändert.

Anschließend werde ich zum Bäcker gehen, eine Plunder essen und ein Schwätzchen halten. Mit Valerie. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Wo war der Kaffee? Zweites Fach links. Neben den Pillen. Ich muss ins Bad.

[Leszek Skurski]

Im blinden Spiegel sehe ich verbummelt aus. Ränder unter den Augen, ein Zahn ist schief, der Zweite macht’s nicht mehr lange, die Wimpern werden kürzer, es gibt Leberflecke, die letztes Jahr noch nicht da waren, kleine Kreise am Hals, Linien auf dem Dekolleté, die Ohrringe dürfen nicht mehr so schwer sein, weil das den Ohrläppchen schadet. Mir ist das egal. Gemütlich greife ich zur Elektrischen, damit ich mich vorm Sport nicht soviel bewegen muss. Der ist anstrengend genug.

Für die Veränderung sollte man fit sein. Die Blutlaufbahn muss fließen und darf nicht unterbunden werden. Während ich mich beim Zähneputzen betrachte, gucke ich mir mitten ins Gesicht. Trübsal liegt wie ein Schleier aus dem Ausverkauf über mir. Aber nur heute früh. Nur heute. Gestern Abend war das noch anders. Nach der Flasche Rotwein. Meine Haut spannt und fühlt sich trocken an. Die Haare: das Gegenteil. Schlapp nisten sie auf dem Kopf, wie eine Brutstätte für Spatzen. Ich werde sie waschen. Gleich. Nach dem Joggen. Nach der Veränderung. Ach, wird mir das gut tun! … Nur noch einmal hinsetzen und über die Richtung nachdenken. Das kann dauern. Manchmal bis zum Abend, manchmal ein Leben lang.


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