Nach oben verlagern

Früher, als ich klein war, habe ich mir oft gewünscht, eines Tages ein eigenes Baumhaus zu besitzen. Ich habe mich nie gefragt, ob das vorteilhaft sein könnte, wie man da hoch kommt oder wieder runter, wie die Sache mit dem Klo aussähe oder der Dusche und ob man nachts, wenn man mal raus muss, über eine Treppe in den Wald ginge.  Die Freunde meines Bruders haben oft versucht, Baumhäuser zu bauen, das waren dann meist irgendwelche Bretter, die verbummelt in den Ästen hingen und kurz bis unter die Krone hat es sowieso nie einer geschafft. Manchmal habe ich unten gewartet, während oben gewerkelt und gearbeitet wurde und eins- zweimal schickte man mich los, um neue Bretter oder Vaters Hammer und ein paar größere Nägel zu holen. Im Grunde war ich also irgendwie immer beteiligt und hatte somit schon als Zehnjährige Erfahrungen im Baumhausbau. Als Siebenjährige noch zum Hammerholen losgeschickt, mauserte ich mich innerhalb kürzester Zeit zum Anstreicher und Lackierer. Das Dumme war, das mir die Beteiligung nie zugute kam, denn ich sah die Baumhäuser immer nur von unten. Das wäre nichts für mich, hieß es, das sei Jungssache und sowieso hätte ich schließlich im Garten, hinter dem Bahndamm, ein eigenes Blumenbeet, um das ich mich zu kümmern hätte.

Ich stellte mir manchmal vor, dass ich- wenn ich mein eigenes Baumhaus hätte- das Blumenbeet nach oben verpflanzen würde und den ganzen Garten gleich mit, vielleicht die halbe Nachbarschaft, doch  bestimmt Herrn Nissler, der am Anfang der Heinrich-Zille-Strasse wohnte und mit den Tagen nichts anzufangen wusste, als sie schwarz im Kalender durchzustreichen. Man könnte eine Baumhauskommune gründen und die ganze Branitzer-Siedlung komplett nach oben verlagern, phantasierte ich bunt zusammen und vergaß irgendwann, weiter auszumalen. Mit sechzehn zog ich von zuhause aus, mit achtzehn wohnte ich zur halben Miete, mit zwanzig lebte ich in drei Wohnungen gleichzeitig, mit vierundzwanzig wohnten wir zu viert in einem Schuppen, dann kam das Leben in den WG’s und zog sich hin. Jetzt, wo ich älter bin, denke ich wieder an das Baumhaus am Bahndamm. Es könnte eine Überlegung wert sein, zumindest ein Gedanke. Oder zwei.Baumhaus am Bahndamm

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