Schwarz-Weiß war gestern

Es gab eine Zeit, ich erinnere mich nicht mehr genau an das Jahr, da hielt der Farbfernseher bei uns Einzug. Das kann Ende 1988 gewesen sein. Zwar lebten wir in der Zone nah an der Grenze, es handelte sich hierbei jedoch um die Grenze zu Polen, die Oder-Neisse Friedensgrenze, wie man uns im Heimatkunde-Unterricht ordentlich beibrachte. Als ich in jenem Sommer im Ferienlager in Kallinchen war, ebenfalls in der Nähe zu Polen und im Tischtennisturnier den 1. Platz bei der Ferienlager-Spartakiade einheimste, hat sich Piotrek aus Posnan in mich verknallt. Er war –  wie ich –  ein begnadeter Tischtennisspieler und wir knutschten die verbleibende Ferienlagerzeit hinter den Baracken am Bahndamm. Zum Abschied tauschten wir Adressen und unsere Kellen und Piotrek versprach, oft zu schreiben. Zurück zu Hause kam natürlich kein einziger Brief aus dem fernen, nahen Polen und ich versank im kindlichen Kummer. Mindestens zwei Tage hintereinander quälte ich mich morgens aus dem Bett und empfing den Briefträger mit großen Bitte-Bitte-Augen.  Aber nix. Keine Post von Piotrek. Die nächsten Tage begann ich, den Gummi, die Noppen und dussligen Aufkleber von Samantha Fox von Piotreks Tischtenniskelle abzukratzen und hing deprimiert vor der heimischen Schwarz-Weiß-Glotze, um mich abzulenken. Das zog sich bis zu jenem Tag hin, als Vater eines Mittags vom Frühschoppen heimkam und einen Buntfernseher anschleppte, den er beim Skat gewann, weil „Schiesko sein halbes Hab und Gut verspielt und versoffen hatte“. Es war der Wahnsinn! Wir guckten „Mork vom Ork“, „Cagney und Lacy“, „Love-Boat“ und „Ein Colt für alle Fälle“. Alles in bunt! Piotrek war vergessen. Mein Herz schlug über Monate hinweg nur für Howie Munson. Früher fragte ich mich oft, warum Piotrek nicht schrieb. Heute bin  ich der Meinung, dass der Grund darin liegt, dass die Polen einfach nur eher Buntfernseher hatten, als wir.

Ale Formenti, Vive Photo Issue,2006
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