Zeit der Revolte

Wir wollen es gern allen recht machen, denn wir haben mit der Zeit gelernt, dass es nichts bringt, immer und überall anzuecken und alle gegen sich aufzubringen. Mit den Jahren ist man älter geworden und die blauen Flecken und Schürfwunden heilen nicht mehr so schnell wie früher. Wenn wir uns jetzt stoßen, haben wir die Stelle schon vorher abgeklebt, in Watte gepackt oder prophylaktisch verarztet. Wir gehen den geraden Weg, so wie Mutter es will und außerdem möchte man ja auch von sich selbst sagen: „Ich war nicht das schwarze Schaf der Familie, ich kann stolz sein, ich hab’s zu was gebracht.“  Und Opa sitzt auf der Veranda und kippt sich zwei Gläschen Schnaps hinter, während er zum Nachbarn sagt: „Ja, das war mein Enkel eben, der kommt jedes Wochenende!“

Wir kümmern uns, wir sind da, wenn man uns braucht, wir sind gelassen und lässig und tragen Verantwortung. Die Zeit der Revolte haben wir abgelegt wie einen alten Mantel aus der letzten Saison. Und der Altruismus, der einen solange in Aufruhr und Schach gehalten hat, ist mit der letzten Gesprächstherapie in den Akten verschwunden, für siebenundneunzigsiebzig die Stunde.

Aber manchmal, wenn es schon dunkel ist, keiner guckt und wir uns unbeobachtet fühlen, ist das Gefühl von damals wieder da und man verschmilzt mit der Welt zu einer herrlichen Mesalliance. Dann gibt es nichts und niemanden, der einem blöde kommt und schief anguckt und wir machen Faxen, rennen durch die Zimmer und fluten unsere Herzen, reißen die Fenster auf und die Wasserhähne. Wir klettern auf Bäume, Berge und Klos und wissen wieder, dass der Blick von oben der einzig Wahre ist. Wenn wir in diesem Moment am Gipfel stehen und nach unten schauen, tanzen wir die schönsten Pirouetten.

Juli2009 091

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