Die Welt geht vor die Hunde

Manchmal frage ich mich, wie lange es noch dauert, bis die Welt hops geht, bis alles verschwindet, explodiert, im Boden versinkt oder sich auflöst. Bis der Einzelne begreift, dass es so nicht weitergehen kann und das es nichts nützt, an Wände zu malen, den Finger auszustrecken oder die Hand zur Faust zu ballen. Die einen haben sich längst daran gewöhnt, dass die Lüge der Kitt ist, der die Welt zusammenhält, die anderen haben sich Kopfhörer aufgesetzt und gucken RTL2. Da, wo die Löcher größer werden, wird  drüber gespachtelt, verschleiert, vertuscht, Stillschweigen bewahrt oder eine barschelsche Wahrheit erfunden. Dem TV-Zuschauer wird eingebläut, dass das Internet die Ursache allen Übels sei und „unsere Kinder“ keine Werte mehr beigebracht bekämen.

So werden die Kleinen zu größeren Verbrechern, prügeln Leute auf S-Bahnsteigen tot, posen, saufen, unterdrücken Schwächere und freuen sich, wenn sie Fünf Mark ergaunern, als hätten sie das Schwimmabzeichen der Stufe IV gewonnen. Diese Zeit ist so vergoren, dass man sich als 30-Jähriger fast schon überheblich und besserwisserisch fühlt, wenn man laut über „die Jugend von heute“ nachdenkt.

Früher ging es mir auf die Nerven, wenn Opa sagte, „die Jugend von heute“ wäre verdorben und schamlos, womit er natürlich die Jungs und Mädchen in meinem Alter meinte. Wir kokelten, klauten und schubsten uns. Wir machten Klingelsturm und fuhren ohne Fahrschein, ließen Luft aus Rädern und ärgerten Herrn Landsberg, weil der uns immer vom Hof scheuchte und ein oller Griesgram war.  Aber auf die Idee,  ihn zu verprügeln, kamen wir nie. Wenn uns langweilig war, spielten wir in leeren Hallen, bauten Baumhäuser oder klauten Kirschen in fremden Schrebergärten. Wir hatten keine Messer, keine Knarren und keine Hass-Objekte, die wir “aufklatschen“ wollten.

Heute habe man das Problem der Jugend zwar nicht im Griff aber zumindest erkannt und wolle langfristig für „unsere Kinder“ etwas  tun. Es wird beschlossen, lamentiert und geredet, es werden Gremien einberufen, Gesetze geändert und an die Eltern appelliert, es gibt Studien, Warnungen und Hinweise und ja, man ist sich einig: Kinder sind unsere Zukunft. Sie werden  zu Amokläufern, Mördern und Schlägern, aber unsere Zukunft sind sie trotzdem. Meine Nachbarin, die vierundachtzigjährige Frau Bandit meint, eine Welt in der Kinder als Berufswunsch: Star, Rapper oder Milliardär angeben, sei sowieso nicht mehr zu retten. „Alles geht vor die Hunde“, philosophiert sie mit einer wissenden Gleichgültigkeit in ihrer Stimme, dass es einem kalt den Rücken runterläuft.

Zum Abendbrot gibt es heute eine kleine Schweigeminute  und ganz viel Ohnmacht.

 

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