Das Vergilbte wegpusten

Wenn man älter als zwanzig ist, denkt man manchmal über Beziehungen nach, die man hatte. Beziehungen zu Männern, Frauen, Lehrern, Freunden, so was in der Art. Da gibt es Menschen, die einen das ganze Leben beschäftigen, obwohl man mit ihnen vielleicht nur ein halbes Jahr zusammen war oder zu tun hatte und dann gibt es die, die man vergisst. Die von der Bildfläche und dem inneren Auge verschwinden und an die man nie wieder denkt. Es muss dabei nicht einmal unbedingt so sein, dass man diese Leute weniger geliebt oder weniger gemocht hat, aber vielleicht haben sie einen weniger bewegt, weniger fasziniert, mitgerissen, verletzt, verwundet, was auch immer.

Es gibt sie, die Menschen, die einen nachhaltig prägen, dass man zum Beispiel ihre Gesichtszüge nie wieder vergisst, sie sogar in anderen, Fremden wiederfindet. Wenn die Erinnerungen mit den Jahren verblassen, taucht irgendwo in der breiten Masse jemand auf, der das Vergilbte wegpustet, der sich genauso bewegt, wie derjenige, den man wie besessen geliebt hat, sein Bier genauso trinkt, die Gabel ähnlich hält, das L mit dem gleichen Schwung schreibt, das R genauso rollt, genauso lacht oder einfach nur eine ähnliche Stellung der Augen hat.

Als ich heute beim Gemüsehändler um die Ecke war, traf ich Rob, ein Typ, mit dem meine Schwester mal zusammen gewesen ist und für den ich als 16-Jährige ein bisschen schwärmte. Rob war drei Jahre jünger als Sarah und noch Jungfrau. Sie deflorierte ihn. Hat sie mir jedenfalls erzählt. Eine Woche später zog sie halb bei ihm ein. Er bewohnte die oberste Etage seines Elternhauses, gemeinsam mit seinem Bruder. Der Bruder stand nicht auf sie, dafür aber der Vater. Sarah hat oft erzählt, dass er auf ihre Möpse starrte, ein Armee-Oberst war und kommandiert haben soll. Manchmal stellte sie sich vor, wie er die Uniform aus dem Schrank holte, wenn er allein zu Hause war, sie anzog, sich vor den Spiegel stellte, die Hacken zusammenschlug, stramm stand, rumbrüllte und dabei einen Ständer hatte. Einmal hat sie ihn geärgert und keinen BH getragen. Die Familie saß am Kaffeetisch, die Mutter schwafelte über ihre Stelle als Anästhesistin, der Bruder kraulte den Hund und der Vater verschluckte sich beim Anblick ihrer harten Nippel.

All das ist Jahre her. Sarah ist längst nicht mehr mit Rob zusammen. Mit dem Vater übrigens auch nicht. Von beiden hat sie nie wieder erzählt. So plötzlich, wie sie eines Tages auf der Bildfläche auftauchten und in zu vielen Gesprächen omnipresent auf dem heimischen Sofa saßen, so plötzlich verschwanden sie. Von jetzt auf gleich, gab es keine Berichte mehr über Rob oder seinen geifernden Vater. Als ich Rob heute nach so vielen Jahren beim Gemüsehändler nach den schönsten Tomaten suchen sah, lief in meiner Erinnerung ein Film von 1996 und ich fragte mich, ob Sarah noch manchmal an ihn denkt.

Sarah

Fotograf: unbekannt, Fotoquelle: Lolita

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