Als die Zone zur Neige ging

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Oma hat oft gesagt: “Bescheidenheit ist eine Zier!“ und Opa frei nach Busch: „Doch weiter kommt man ohne ihr.“ Ich dachte mir, dass ich zum Tag der deutschen Einheit ruhig mal’n bisschen auf den Putz hauen – und meine DDR – Zensuren präsentieren könnte. Aber dann ist mir aufgefallen, wie unspektakulär die sind: Immer die gleichen Noten, am meisten Einsen; später hatte ich in Mathe, Physik und Chemie nur noch: Note Fünf. In der Zone gabs ja bekanntlich keine Sechsen.

Beim Stöbern durch die leberwurstfarbene Zeugnismappe fiel mir auf, dass meine Lehrer gar nicht so bescheuert waren, wie ich einst dachte. Ich hatte mal einen – Volker Opitz – den  ich beim Freitod meines Mon ChiChi’s nicht leiden konnte. Er mich übrigens auch nicht!

Eines Tages hat er sich mit meinem Alten auf dem Schulhof gekloppt, weil Vater behauptete, der Opitz sei von der Stasi, was sich aber Herr Opitz – mit Verlaub! – verbat. Nichts desto trotz hat er für mich Beurteilungen geschrieben, die vielleicht nicht immer hundertprozentig der Wahrheit entsprachen, aber auch nicht von der Hand zu weisen waren. Ja, dieser Herr Opitz hat schon damals erkannt, dass ich eine gute Tischtennisspielerin werden könnte, wenn ich nur ein bisschen beständiger trainieren würde. Denn ich war ein Kind mit Talent, nicht nur im Sport. Einmal hat er mich erwischt, als ich Muttis Stullen in den Müll pfefferte und fragte, ob ich zuhause lügen – und sagen würde, dass das Pausenbrot geschmeckt hat. „Natürlich nicht!“, hab’ ich gesagt, „ich bin getauft, da lügt man nicht! Wenn doch, betet man schnell das Ave Maria.“ Herr Opitz ist nie mein Freund gewesen. Zu Fahnenappellen musste ich strammstehen, ich war kein richtiger FDJ-ler, sondern aufmüpfiger Kirchenheini im Garfield-Pullunder, aber Herr Opitz hat dennoch gewusst, wenn einer talentiert ist. …Und wenn er das gesehen hat, dann hat er dafür gesorgt, dass derjenige gefordert und gefördert wurde. Veikko Voigt zum Beispiel ging dank Herrn Opitz fortan auf die Sportschule –  der Elite-Kader schlechthin. Und ich besuchte die Arbeitsgemeinschaften: Tischtennis und Literarischer Zirkel. Ja, da staunste!

Als die Zone zur Neige ging, habe ich diesen Lehrer manchmal verwünscht, heute wünschte ich manchmal, dass er um die Ecke wohnt. Ich  habe nie erfahren, ob mein Lehrer so war, wie mein Vater – bei der Klopperei damals – behauptet hat, aber Herr Opitz hatte Recht, als er sagte: „Du kannst einen Nenner nicht von einem Zähler unterscheiden!“ D a s hat gesessen – da knabber‘ ich noch heute dran!

Hier Opitz‘ Beurteilung aus der Neunten: 

Neunte

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