Nackt aber mit Handy

Manchmal frage ich mich, ob man heutzutage einen Extra-Abschluss braucht, wenn man sich korrekt, zeitgemäß und richtig (gut) bewerben will. Es ist nämlich so, dass ich mich mit dem Schreiben von Lebensläufen nicht sonderlich gut auskenne und mich noch erinnern kann, als Birne son Ding mal auf ’ner alten Schreibmaschine getippt hat, die keine Löschtaste mehr hatte. Das muss irgendwann im letzten Jahrzehnt gewesen sein. Deshalb ging ich oft in der Annahme, dass Bewerbungen und Lebensläufe heute bestimmt schnell getippt sind. Aber denkste – weit gefehlt. Denn eine Bewerbung ist eine Wissenschaft für sich. Der Buchladen bei mir um die Ecke, in der Schönhauser Allee, hat gerade Ausverkauf; dort hau’n sie einem die einst teuren „Bewerben wie ein Profi“ – Ratgeber jetzt für Eins siebzig hinterher. Und für Eins siebzig kann man sich das ja ruhig mal leisten! Also habe ich den Ratgeber gelesen und mit dem Lesen kamen –  statt Antworten – Fragen und mit den Fragen kam die Wut, die schlussendlich darin mündete, dass man am liebsten auf Deutschland-Tour gehen würde, um sämtliche Personaler zu vermöbeln.

So ein Personaler will für sein Unternehmen natürlich nur das Gelbe vom Ei, also Leute die fließend 32 Sprachen sprechen, die Welt bereist, – mindestens zwei Volos, unzählige Praktika und einen Uni-Abschluss, summa cum laude, in der Tasche haben. Die wenigsten Personaler denken um die Ecke, es gibt weder bunt, noch kreativ, sondern in der Farbpalette lediglich ein klassisches, einheitliches betonfarbenes Grau.

Der Bewerber sollte auch, wenn sich’s irgendwie machen lässt, nicht unbedingt älter als 35 Jahre alt sein. Eine Bewerbung, die nur eine Bewerbung ist, ist überholt! Das Ganze, wenn man es richtig und modern, aber doch klassisch (das Lieblingsadjektiv der Personaler schlechthin) machen will, nennt sich heutzutage Portfolio. Eine Bewerber-Homepage kommt ebenfalls gut an.

Was gar nicht gut ankommt ist, wenn David damals mit 21 Jahren nicht wusste, wo er in seinem Leben hin-, geschweige denn, was er daraus machen sollte. Also hat David sich ein bisschen ausprobiert und nach dem Abitur ein halbes Jahr bei Chantal abgehangen, dann auf dem Bauernhof in Lanzerote rumgelümmelt und ab und zu gekifft. Anschließend hat er sich gefangen, ein Publizistik-Studium begonnen und dieses nach dem 3. Semester hingeschmissen, um Konditor zu werden. Man ist ja schließlich jung und weiß leider nicht, was die (eigene) Welt (noch) kostet. Der Personaler aber liest aus diesem Lebenslauf heraus – sollte er genau so aufgeführt sein (okay, ohne Chantal und die Kifferei), dass David wankelmütig ist und schnell ins Straucheln kommt, was soviel bedeutet, dass er als zukünftiger Arbeitnehmer – drücken wir es vorsichtig aus – uninteressant ist.

Ich frage mich, was im Oberstübchen eines Personalers vorgeht, wenn er die Entscheidung fällt, ob ein Bewerber eingeladen wird oder nicht. (Den nehmen wir mal nicht; dieser hier hat uns nicht persönlich angesprochen, dieser hat ne doofe Schriftart benutzt und der hier hat zuviele Pickel, und der – geht  ja gar nicht – heißt mit Nachnamen: von Schaumburg- Lippe!  Soll er doch seinen Alten nach nem Job fragen.) Ich gebs zu, etwas übertrieben, aber der Kern ist wahr und das Bekloppte daran ist, dass diese Human Ressources-Schnallen dermaßen frustriert – und gelangweilt von ihrem Job scheinen, dass sie kreative Bewerbungen natürlich für einen Moment erheitern, diese dann aber doch auf den Stapel zu den Absagen legen.

Ich arbeite nach dem Abschluss meines Studiums als Feste Freie, kann von meinem Job ganz gut leben und leiste mir Luxus ausschließlich von den Aufträgen, die mir das Ghostwriting einbringt. Aber kürzlich dachte ich: Ach, neben zwei festen Auftraggebern, wäre ein sporadischer dritter nicht schlecht. Also bewarb ich mich in einer – den Namen nenne ich jetzt mal nicht – größeren und bekannten Firma als Pressesprecherin. Alles war 1a: Ordentlich[e] (aufpolierte) Vita, Zeugnisse, Tip-Top-Anschreiben, etc.pp. Ich wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen!

Vorab wollte man (n) nur schnell einiges telefonisch mit mir besprechen. Supi!!! Son Tausender nebenbei nimmt man eben gerne mit. Ich bestätigte den Termin, musste diesen aber wieder absagen, weil ich an besagtem Wochenende einen längeren Artikel hierüber schreiben musste. Und Leute, dann – haltet Euch fest – kam folgende e-mail des Personalers.

„Guten Morgen sehr geehrte Frau …

 ich habe volles Verständnis für Ihre journalistische Arbeit, daher ist es überhaupt nicht schlimm, wenn Sie heute lange unterwegs sind oder morgen länger in ihrem warmen Bett bleiben. Es macht mir auch viel mehr Spaß mit einer ausgeschlafenen Bewerberin zu telefonieren, als mit jemandem der die Augen noch nicht auf hat. Nun kann es allerdings passieren, dass Sie mich heute nicht mehr erreichen, da  ich bei diesem sch…. Wetter einen Wellness-Tag einlegen werde und nicht vorhabe mein Handy mit in die Sauna zu nehmen. Das wäre sonst wohl das Bild des Jahres: Ein nackter Mann, aber mit Handy in der Sauna und dann schön schwitzen und mit Ihnen telefonieren:-) .  Auf jeden Fall bestätige ich Ihnen, unabhängig von einem vorherigen Telefonat, unseren Termin am Di den 13.10.2009 um 17.00 Uhr und bin schon heute sehr gespannt darauf, Sie kennenzulernen. Wir können uns aber auch mal spontan zum Kaffee treffen.

P.S.: Saunieren Sie auch? 

Mit freundlichen Grüßen“

Rudi Schweinebacke (Name v.d.R. geändert)

Will man so etwas lesen? Will man als eventuelle zukünftige Mitarbeiterin wissen, ob der Personaler des Unternehmens, in dem man vielleicht tätig sein wird, ein Sauna-Freund ist? Will man sich den nackt vorstellen? Drei rhetorische Fragen, die sich erübrigen, die ich aber dennoch beantworte, weil sich einige in der Branche – wie es scheint- vor Langeweile die halbe Birne weggesoffen haben:

N E I N.

Mir soll mal einer erklären, wie es sein kann, dass einerseits das „Korrekte Bewerben“ überall wie ein Manifest proklamiert wird, (auch dieses Unternehmen hat die strengsten Richtlinien) andererseits bekommt man Einladungen zum Saunieren!

Der Woahnsinn is des doch, der reine Woahnsinn…  Am liebsten hätte ich den nackten Arsch dieses Personalers in seine mittäglichen Spirli-Italo-Eiernudeln getunkt. Ich sag‘ ganz deutlich: Basta statt Pasta! 

Magister artium

Und nochwas: Frauen sollten auf Bewerbungs-Fotos nie den Kopf zur Seite legen! (Dadurch wirkt Frau unterwürfig, so Personaler Percy)

Und ziehnse sich um Himmels willen was Vernünftiges an!

So nicht!

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