Schlechte Kinderstube

Manchmal frage ich mich, wer die Leute sind, mit denen ich zusammenarbeite. Dann ertappe ich mich dabei, wie ich ihnen im Fahrstuhl zu lange ins Gesicht schaue und versuche in der Mimik irgendwas zu lesen, irgendwas über sie zu erfahren, ob sie gern zur Arbeit gehen, was sie gern essen, ob sie das Wetter stört, sie noch müde sind oder gerade darüber nachdenken, ihre private Pornosammlung auf Ebay zu verhökern. Der Pförtner, der am Empfang sitzt und den Gruß nie erwidert, könnte Eisenbahnliebhaber und Palmen-Fan sein. Wenn er irgendwann zurück grüßt, kann ich ihn ja mal fragen.

In meinem Job gibt es viele wichtige Leute und solche, die sich dafür halten. Vorne arbeitet ein Typ, der ein berühmter Fußballer gewesen sein soll und den Posten des Sportchefs inne hat. Er trägt Page und gern lustige Knickerbocker zu dicken Wollkniestrümpfen. Früher habe ich mich gefragt, ob er das macht, damit man seine Fußballer-Waden besser sehen kann, heute kann er meinetwegen auch nur in Wollkniestrümpfen rumrennen. Mir schnurz. 

Wenn man neu in einem Betrieb ist, schnuppert man ja immer erstmal ein bisschen rum oder diejenigen an, die einem nahe sitzen. Da kann es vorkommen, dass man sich so ein Grinsekatzen-Gesicht aufsetzt, während man die Flure entlang spaziert und vielleicht ist man zu neugierig. Auf dem Frauenklo guckt man dann auch schon mal am Handwaschbecken rüber, wenn nebenan einer steht und sich die Zähne putzt. Verständlich, denn man hofft auf Kontakte oder Sätze wie: „Neu hier? Ich bin die Ursula, hier lebste dich schnell ein!“

Wenn die einfachsten Höflichkeitsfloskeln ausbleiben, wundert man sich zwar erst mal, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Gibt ja auch viele nette. Mir fällt es nur immer noch schwer, bei den anderen die Schnauze zu halten und keine Fragen zu stellen. Mittlerweile ist zwar klar, dass die meisten Wirtschaftsredakteure nicht grüßen, weil sie so beschäftigt sind, aber manchmal würde ich am liebsten, wenn sie wortlos auf dem Flur vorbei latschen, hinterher rufen: “Hör mal, kannste nich’ wenigstens Guten Tach sagen? Ich sag doch auch Guten Tach.“

Aber das macht man natürlich nicht. Man beisst sich lieber auf die Zunge und kneift den Arsch zusammen. Und wenn man den Titel, „die Neue“ an die nächste Neue weitergibt, hört man plötzlich Getuschel aus den sonst wortkargen Mündern. „Wer ist die? Wie heißt die? Was kann die? Wo kommt die her? Was hat die schon publiziert? Was hat die an?“ Der oder die Neue selbst wird nie gefragt! Stattdessen sitzen die Alteingesessenen neben einem und tun beschäftigt. Sie wissen zwar, dass du gerade in Frankreich warst oder dir dein Rad geklaut worden ist, aber natürlich wissen sie das nicht von dir persönlich, sondern haben ihre Quellen.

Ich frage mich, was das für eine Scheiße sein soll: Sich nach außen desinteressiert geben, aber innerlich so erpicht auf die neuesten Neuigkeiten und Interna sein, dass man es bis zum Mittags-Tratsch fast nicht erträgt. Statt denjenigen aber einfach und direkt zu fragen: „Na, Kalle, gestern Abend besoffen gewesen?“, fragt man einen, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der Kalle kennt.

Morgen flüstere ich Herrn Sieders, wenn ich ihn im Fahrstuhl begegne, zu: „Herr Sieders, Ihr Reißverschluss ist offen.“ Mal sehen was passiert! Weshalb Herrn Sieders Hosenstall so oft offen- seine Bürotür verschlossen und seine Tippse verschollen ist, weiß in der Redaktion übrigens jeder! Es ist an der Zeit, dem Herrn Sieders das mal zu sagen. Spätestens jetzt weiß er es sowieso. Endlich!

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