Die fetten Jahren sind nicht vorbei

– Eine fiktive Artikelrecherche von Klodette Chevalier –

Sehr geehrter Firmenboss,

im Rahmen des aktuellen Streiks der Gebäudereiniger in Berlin und ganz Deutschland recherchiere ich für einen Artikel für die Revoluzzer Rundschau. Laut Gewerkschaft seien derzeit 130 Objekte in den Arbeitskampf einbezogen, was der Verhandlungsführer bestätigte. Im Tarifkonflikt verlangt die Gewerkschaft mehr Geld. In Anbetracht dessen liegen mir zur Stunde Hinweise von Gebäudereinigern aus Hamburg, Senftenberg und Bautzen vor, die nicht ausschließlich auf den momentanen Arbeitskampf zielen, sondern auf ein anderes „Problem“ aufmerksam machen. Ihre Firma “Putzmännchen“ ist hierbei namentlich mehrfach genannt worden, sodass ich meine Anfrage an Sie persönlich richte, zumal der Satz „Einzelschicksale sind das nicht!“ ebenfalls des öfteren gefallen ist. In den mir vorliegenden Informationen handelt es sich primär um Hinweise bezüglich des zeitlichen Rahmenplans, der für die Einteilung zur Reinigung von Objekten aufgestellt wird. Es heißt, dass die Arbeit Ihrer Mitarbeiter – in Bezug auf die Anzahl der Objekte – die gleiche geblieben ist, die benötigte Arbeitszeit aber, die für ein Objekt genormt bzw. einkalkuliert wird, jedoch stetig sinkt. Sprich: Gleicher Arbeitsaufwand in noch kürzerer Zeit.

So hatte beispielsweise die neunundfünfzigjährige Putzfrau Luise Bremer, die seit 11 Jahren in Ihrem Unternehmen tätig ist, im Juni diesen Jahres (bei einem derzeitigen tariflichen Stundenlohn von 6,58€) für die komplette Reinigung des VW-Autohauses Müller 45 Minuten Zeit. Für den gleich gebliebenen Arbeitsaufwand im selben Objekt blieben ihr einige Monate später nur 33 Minuten, also 12 min weniger. Bei 184 geleisteten Stunden im Monat bekommt Frau Bremer derzeit einen Lohn von 919€ netto. Die Zeit, die ihr jetzt für das Saubermachen fehlt, arbeite sie nach eigenen Angaben privat und unentgeltlich. Ein einfaches Rechenbeispiel zeigt, dass Frau Bremer demnach 8 Stunden pro Woche bzw. 32 Stunden im Monat ohne Lohn – und folglich nicht 184 Stunden, sondern 216 Stunden arbeitet. Dies entspreche einem Stundenlohn von 5, 55€ statt 6, 58€. Ich bitte Sie um eine kurze Stellungnahme an die oben aufgeführte e-mail.

Ihre Sekretärin ließ ausrichten, dass Sie für ein Interview nicht zur Verfügung stünden, da Sie derzeit in der Karibik wären und in den nächsten vier Wochen nicht mit Ihrer Rückkehr zu rechnen sei. Es gibt Befürchtungen, dass es sich – nicht nur beim aktuellen Angebot einer Tariferhöhung für die Gebäudereiniger – um eine „Mogelpackung“ handelt, sondern auch bei der Aufstellung des „Putz-Tourenplans“ Ihres Unternehmens.

Ferner  ist vom Kauf eines Grundstückes, zwei neuer „Firmenwagen“ der Marke Mercedes und einer Eigentumswohnung die Rede. Mitarbeiter sagen, während diese sich den Arsch für 5€ pro Stunde aufreißen, würde Ihr eigener immer fetter. Gern würde ich die Anschuldigungen via Maßband persönlich bei Ihnen überprüfen und Ihnen – sollten sich diese als berechtigt erweisen – dermaßen eine vor den Latz knallen, dass Sie nicht mehr wissen, wo oben und unten ist. Anschließend fahre ich Sie – ganz Chauffeur like – in Ihrer neuen, fetten Bonzenkarre zum Autohaus Müller, drücke Ihnen den Wischmopp (ebenfalls persönlich) in Ihre dicken Wurstfinger und lasse Sie die Klos 32 Stunden am Stück putzen. Und dann sehn’ wa weiter!

Mit reinigendem Gruß

Klodette Chevalier

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