Warum Männer Herdplatten brauchen

Neulich habe ich mal über Krankheiten in meinem Freundeskreis nachgedacht. Im Grunde haben alle einen an der Waffel, der eine mehr, der andere weniger. Ich meine nicht die Krankheit, die in Deutschland gerade in aller Munde ist, sondern die vielen kleinen Dinge, die mit der Zeit so lange hochgepuscht und verschlimmbessert wurden, bis sie sich zu einer Macke ausgebreitet haben, die – würde man sie therapieren lassen – dem Therapeuten den Weihnachtswunsch eines Jaguars schon Ostern erfüllen könnte.

Heutzutage gibts alle möglichen Volkskrankheiten, an die man sich erstens schon längst gewöhnt hat, die  zweitens nicht mehr stören und die man, drittens, vermutlich vermissen würde, wenn sie nicht mehr wären. Ich weiß nicht genau, welche und vor allem wie viele Krankheiten davon allein auf mein Konto gehen, aber bei genauerer Betrachtung wird es schon die ein oder andere sein, mit der es sich, ganz nebenbei, vorzüglich leben lässt. Sicher ist Hypochondrie vielen ein Begriff. Der Hypochonder ist der eingebildete Kranke. Hat er einen Schnupfen, googelt er das Ganze erstmal nach und vergewissert sich, dass es wirklich nur ein Schnupfen und kein Krebsleiden ist.

Ich wohnte ja lange in einer WG. Was ich dort immer komisch fand war, dass Jonas nur bestimmte Sachen in die Waschmaschine steckte. In unserer WG sammelten wir die Wäsche quer Beet und hauten den ganzen, bunten Haufen in die Trommel zum gemeinsamen Waschgang bei 60 Grad. Da Jonas oft nicht da war, auch wenn er behauptete: „Maschine mach’ ich heute!“, blieb das Aufhängen der Wäsche meist an uns kleben. Jedenfalls füllten seine Klamotten stets ein Dreiviertel des Wäscheständers. Er besaß 5 Jeans, 22 Socken, 11 T-Shirts, 2 Jogginghosen und das ein oder andere Kleidungsstück mehr, dass ich nicht erwähne, weil es der Dramaturgie des Textes schaden würde. Was jedoch nie von Jonas in der Wäsche war, waren seine Unterhosen. „Vielleicht hat der ja keine“, vermutete C., aber ich verneinte, denn ich hatte ihn schon in Boxershorts über den Flur huschen sehen. Es konnte so viele Gründe geben, warum uns der Anblick der frisch gewaschenen Jonas-Unterhosen verwehrt blieb, das Blöde war nur, das uns kein plausibler einfiel.

Es war d a s Thema, wir beobachteten Jonas, wenn er ins Bett ging, C. meinte, ihn im Waschsalon gesehen zu haben, andere sagten, er trage 1-Tages-Slips und haut die Shorts dann in den Müll… Aber statt Jonas einfach zu fragen, schielten wir in zerrissene Tetra-Packs zwischen Kartoffenschalen und Butterdosen. Konnte ja sein, dass er die Shorts dort unauffällig verschwinden ließ. Jonas war schließlich ein ausgekochtes Schlitzohr und das ist mein Stichwort. (Mensch, jetzt habe ich gerade noch die Kurve gekriegt, fast hätte ich mich schon wieder verquatscht.) Eines Tages kam er mit 2 Herdplatten aus seinem Zimmer und schmiss sie in den Eimer, anschließend rief er direkt bei Otto an und bestellte zwei Neue. Wir gingen zum Angriff über. „Wofür brauchst du denn die Dinger, wir haben doch ’nen Herd“, fragten wir und Jonas wunderte sich, dass wir nie mitbekamen, was in seinem Zimmer feucht fröhlich vor sich hinköchelte. Er kochte, aus Angst vor Bakterien, seine Unterwäsche wie einst Oma im Kochtopf bei 10 Millionen Grad! Wenn die Scheiben seines Zimmers beschlagen waren, (und das waren sie oft!) lag das nicht an der Leidenschaft, die sich dahinter abspielte, sondern daran, dass Jonas mit großem Holzlöffel vor den Herdplatten saß und seine Schlüppis auskochte. Irgendwann wurde den Platten der ständige Betrieb zuviel und sie gaben den Geist auf. Wer also demnächst mal wieder beschlagene Fenster sieht, sollte nicht gleich ein leidenschaftliches Tête-à-tête vermuten, das kann nämlich entweder Jonas oder was vollkommen anderes sein!

Morgen: C’s. Knopfleisten-Phobie.

Jonas Like, Foto: Samuel Hodge

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