„Weißt du, was Kapitalismus ist? Angeschissen werden!“

Es wird immer gern so getan, als hätte es die Stasi nur in der damaligen Zone gegeben und als bekannt wurde, dass Tattergreis Mielke bis an den Rand gefüllte Keller mit Geruchsproben von Leuten hatte, die bespitzelt wurden, ging ein lautes Raunen durch die Nation. Die Proben befanden sich zwar in Omas Einweckgläsern und waren liederlich mit Schlüppergummi abgedeckt, aber gelacht hat in dem Moment keiner mehr, denn irgendwo hört der Spaß schließlich auf! Es wurde mit dem Kopf geschüttelt und die Stirn verächtlich in Falten gezogen. Skrupellos sei das, menschenverachtend und unter aller Sau. Wenn es darum ging, die Machenschaffen der Stasi mit Worten zu verurteilen, mussten manchmal fast neue erfunden werden, denn das Repertoire an Vokabeln war- wie die Zone selbst- irgendwann erschöpft.

Wenn man heute liest, dass wieder irgendwo irgendwer, irgendjemanden ausspioniert hat, zieht man höchstens noch die linke Augenbraue nach oben. Medien[un]wirksame Schnüffeleien und Bespitzelungen wie bei Lidl, Rewe oder Plus: Wen interessiert das noch? Is’ eben so. Das muss die Frau Grabowski eben aushalten, dass man sie in der Umkleidekabine beobachtet oder heimlich in ihrer Tasche wühlt. Schließlich ist sie keine Zwanzig mehr und kann froh sein, dass sie überhaupt noch Arbeit hat. Und außerdem ist es doch toll, wenn was Spannendes in den Personalakten der Mitarbeiter steht, sonst wird’s für den Personaler auf seinem voll gepupten Stuhl ja langweilig.

Willkommen ist alles an Information, was Auskunft über den Mitarbeiter gibt: Ob er krank ist, welches Parfüm er benutzt, ob er überhaupt Parfüm benutzt, wann er in die Firma kommt, wann er aufs Klo geht und so weiter.

Es kann demnach kein Zufall sein, dass die nächste Spitzelaffäre wieder im Einzelhandel ist und auch nicht, dass sie wieder auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen wird, die sowieso- und das muss mal gesagt werden- nichts zu melden haben und auch gern mal vor den Kunden rundgemacht werden, weil zum Beispiel in der Gemüseabteilung drei angeschlagene Gurken nicht entfernt wurden. So eine Mitarbeiterin wird zur Freundlichkeit gezwungen, obwohl Kunden an der Kasse manchmal fast auf ihren Kittel kotzen. Macht nichts: Freundlichkeit muss sein! „Sammeln Sie die Herzen, Schönen Abend noch, Schöne Feiertage, Möchten Sie eine Tüte? usw. usf. Wenn man mitzählt, wie viele Kunden oder vielleicht sollte man sagen: wie wenig Kunden überhaupt zurückgrüßen, möchte man ihnen  am liebsten mit den Worten von Tony Montana begegnen und sagen, dass sie sich ihren Kopf in den Arsch stecken sollen, um zu gucken, ob er reinpasst.

Ich möchte keine Verkäuferin bei Lidl oder Edeka sein und dort an der Kasse sitzen, nachdem mich so ein beschissener Detektiv ausspioniert und meinem Chef gemeldet hat, dass ich einen Eintrag bei der Schufa oder Schulden bei Otto habe. Ist dieser Mist noch steigerbar? Ja, er ist.

Laut „Fokus“ sollen Detektive, die von Chefe himself beauftragt wurden, sogar Autos von Mitarbeitern kontrolliert haben. Wenn Angestellte wie Frau Grabowski sich weigerten, ihren Wagen zu öffnen, wurde ihnen gedroht, die Polizei zu rufen und darauf hingewiesen, dass das Ganze arbeitsrechtliche Konsequenzen haben würde. Da fragt man sich doch, wie Edeka sich hier herausreden will: „Wir waren nur um das Wohl unserer Mitarbeiter besorgt.“ Alles klar.

Dass gerade im Lebensmittelgeschäft ein erbarmungsloser Preiskrieg und Dumpinglöhne herrschen ist allgemein bekannt und wird stillschweigend in Kauf genommen. Ist ja auch zu schön, am Wochenende um Mitternacht ne Tütensuppe und zwei Bier kaufen zu können. Und wen kümmert es, wie die Discounter heißen: Rewe heißt jetzt Netto, Netto ist aber nur netto mit dem echten Scotti, Kaisers ist für alle da. Der eine will billiger, kundenfreundlicher, strategischer und effizienter sein, als der andere. Erdbeeren im Winter? Kein Problem. Zahlen wir der Frau Grabowski eben dieses Jahr ihr Weihnachtsgeld nicht aus. Müssen ja sparen. 

Letztens habe ich mitbekommen, wie so eine aufgetakelte Bereichsleiterin einer Verkäuferin direkt vor den Kunden die Leviten gelesen hat: „Was sind das für Tüten? Warum steht das hier rum? Ihr Kittel hat Flecken!“ Die Verkäuferin lief rot an und schwieg und die aufgetakelte Tante zog von dannen, nachdem sie nicht vergaß mitzuteilen: „den Vorfall zu melden“. Ich gehe fast jeden Tag in diesen Laden. Der ist vollkommen okay, die Leute sind freundlich, das Angebot ist breit gefächert und nicht übertrieben. Es gibt also keine Erdbeeren im Winter. Aber nein, alles muss immer noch ein bisschen mehr sein, noch größer, noch wahnsinniger. Wenn ich diese Betriebsbereichsleiterin noch einmal in meinem Markt rumbrüllen höre, und das meine ich nicht larmoyant, geh‘  ich zu ihr hin und hau’ ihr- mit den Erdbeeren, die es dort nicht gibt- eine vor die 12. Ich schwörs!

—————————————————————————————————————

(Weihnachts-Tipp: Verkäuferinnen zurückgrüßen. Danke sagen. )

(Titel: Zitat von Al Pacino, Scarface.)
Advertisements