Die Welt in einem Einkaufswagen

Hin und wieder treffe ich in meinem kleinen Tante Emma Laden –  der mir so vertraut ist wie Muttis Kitteltasche –  Leute, die ich noch nie gesehen habe; die nicht um die Ecke wohnen und nicht in meinem Haus oder meinem Bezirk. Vielleicht sind sie zu Besuch, vielleicht haben sie die Bahn verpasst, sind auf der Durchreise oder haben sich verirrt. Vielleicht kaufen sie auch nur an anderen Tagen oder zu anderen Uhrzeiten ein, vielleicht sind sie die Partner derjenigen, deren Gesichter mir mittlerweile mehr als ein obligatorischer Begriff sind.

Einmal habe ich mir vorgestellt, wie es wohl aussähe, würde ich das Innere meines Tante Emma Ladens von oben betrachten. Es könnte vielleicht einem kleinen familiären Ameisenhaufen gleichen: Alle strömen aus, suchen Futter und Verwertbares, bleiben kurz stehen, halten inne, drehen sich um, wechseln die Gänge, die Richtung, die Ansichten oder die Geschmacksnerven.

Manche verlassen das Geschehen, dafür kommen neue; viele suchen, einige finden, andere nehmen mit, was sie nicht brauchen. Unabhängig davon, wie intensiv oder wie lange man dieses bunte Treiben verfolgt: Am Ende strömen alle in die gleiche Richtung, sammeln sich an der gleichen Stelle und haben offensichtlich das gleiche Ziel- die Kasse- und jeder für sich: Die gleichen Erwartungen, Wünsche, Träume, Hoffnungen, Ängste, Gedanken.

Rudi ist ein toller Fotograf, Maler und Bildhauer. Mehr unter: "Red Corridor".

… Eine Suppenterrine lang hält jeder inne, ohne es zu merken, verweilt einen Moment und wartet in der Schlange, bis er dran ist um seinen Einkauf zu zahlen. Die Leute stehen meist um die Mittagszeit dicht aneinander gedrängt. Dann harren sie für einen Moment aus, lassen ihre Gedanken baumeln, denken womöglich darüber nach, was an diesem Tage noch zu tun ist oder was schon getan wurde, wie weit der Nestbau ist, was man morgen Mittag kochen soll, dass man sich krank fühlt, die Füße schmerzen, sich Ruhe oder dem Typen mit dem Henriquatre-Bärtchen, der dem Chef in den Arsch kriecht, die Schweinegrippe in Doppelmutation  an den Hals wünscht.

Ich schreibe das, weil ich sehr gern einige Minuten in der Reihe stehe. Manche sagen, das wäre so eine Ossi-Mentalität, wie damals, als es in der Kaufhalle Bananen gab. Ich finde, dass dieses In der Reihe stehen ein zu Unrecht negativ konnotierter Moment ist. Berlin hat 3 Millionen Einwohner, viele kommen, wenige gehen, Tausenden begegnet man während einer U-Bahnfahrt und fühlt sich genervt. Aber während man mit diesen fremden Leuten, die vielleicht um die Ecke wohnen, vielleicht in New York, Warschau oder Teheran für kurze Zeit gemeinsam in der Schlange wartet, kann man mit großer Gewissheit sagen, dass man denjenigen, der vor oder hinter einem steht, nie wieder sieht.

Dann schaut man auf das Revers dieses Vordermanns und entdeckt ein Blumengesteck aus Bayern, vielleicht trägt eine Dame Dutt, vielleicht hat einer einen Kamm in der Arschtasche oder alte Manschettenknöpfe wie die von Opa, eine Oma gähnt in bekannt langem Ton, ein Kind winselt, ein Mutter ignorierts – es wird getuschelt, geschwiegen, geliebt, gestikuliert, geguckt, geträumt, stillgehalten und ausgeharrt. …Solange, bis man dran ist.

Ich glaube, in diesen Augenblicken liegt die Welt für eine Nanosekunde in einem Einkaufswagen.

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