im Dunst des Lebens

Manchmal muss es einem egal sein, wenn man in den Nebel hineinläuft und sich im Dunst des alten Lebens dreht, wenn man nicht mehr geradeaus laufen kann oder die Hand nicht mehr vor Augen sieht, das Ziel verfehlt oder länger keines hat, wenn man stehen bleibt um voranzukommen, dieses Voran dabei aber nicht genauer definieren kann und nicht weiß, wie das aussehen soll, weil man zu oft an gestern denkt, wo vermeintlich alles besser war.

Manchmal muss es einem egal sein, ob die Schmerzen im Knöchel stärker und die Sehschärfe weniger werden, die Füße frieren, das Herz sich erkältet, die Augen tränen, ein Nagel oder die Lippen zu tief einreissen, die Haare dünner werden, das Fleisch sich zurückzieht, die Flecken auf den Händen mehr und das Geld weniger wird, sich die Wimpernkränze entzünden oder das Trommelfell, der Nachbar schreit, Mutter zuviel trinkt, weil Vater gegen die Bewährung verstößt oder Leute im Vorbeigehen tuscheln, weil man zusieht, wie ein Vogel verendet.

Manchmal muss es einem egal sein, wenn man nicht mehr so leichtgläubig wie früher sagen kann: „Ich mach es, ich tu es, ich krieg das hin.“ Und um sich selbst ein Freund zu sein, muss man manchmal auch einfach nur abwarten, bis die Sonne hinter den Ascheberg klettert und das Wohnzimmer in vertrautes Dunkel tunkt. Dann hört man Phoebe Snow unter der Lichterkette und fordert sich selbst zum Tanz auf und spätestens wenn man leise, Never let me go mitsingt und sich im Takt der Musik um die eigene Achse dreht, erkennt man, dass der Nebel der tagsüber die Sicht verklärt hat, abends perfekt zu Musik passt.

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