Über die Runden kommen

Viele, die nach Berlin kommen, bleiben. Weil die Stadt hip – und hier immer was los ist. Weil die Bürgersteige niemals hochgeklappt werden, es rockt, die Mieten billig sind und man hier gut leben kann, ohne dafür unbedingt Arbeit zu brauchen. Diese Stadt übt auf jeden einzelnen eine andere Faszination aus. „Sie hat so was Ursprüngliches“, wie Marla erzählt. Marla arbeitet als Moderatorin bei einem Radiosender in Marienfelde und liebt es, wenn wir am Wochenende durch die Clubs in Mitte ziehen und sonntags lange frühstücken. Wie heute. Während Marla Monologe über ihren Sender, die Kollegen und Praktikanten hält, schaue ich an ihr vorbei und lasse den Blick durch unser Stammkaffee am Rosenthaler Platz schweifen.

Alle Tische sind besetzt. Jeder zweite hat ein Laptop und surft per W-LAN im World Wide Web. Der eine checkt e-mails, der andere ist auf einer Poker-Seite, ein Dritter sucht nach Wohnungen. Stundenlang. Als ich noch einen Kaffee bestelle, sehe ich, dass Leute in der unteren Etage warten, dass oben ein Tisch frei wird. Sie trinken ihren Kaffee im Stehen, schlagen mit dem Löffel ans Teeglas bis es klirrt oder beißen gierig kleine Stücke von ihrem Blaubeerkuchen ab. Irgendwann sind sie vom Warten so genervt, dass sie auch den Rest des Kuchens verdrücken, die Gläser mit einem Schluck leeren und das Lokal wieder verlassen.

Indes sitzen in der oberen Etage zweiundzwanzigeinhalb Gäste mit ihren Designer-Notebooks und lassen es kostenfrei krachen. Auf den Tischen lümmeln sich Menagen, Notizblöcke und I-Phons, aber kein einziges Getränk. Man hat das Gefühl, dass sie höchstens ein Glas Wasser bestellen, vielleicht einen Espresso. Das muss reichen,  und zwar solange bis sie mit ihren Recherchen fertig sind und wieder heimgehen. „Guck mal, die Frau da drüben! Die hat ihre eigene Tee-Kanne mit und kippt unauffällig nach“, sagt Marla und findet, dass das „ein Ding“ ist. Vielleicht ist sie einsam, vielleicht fühlt sie sich hier wohl, vielleicht ist sie allein, vielleicht wird ihre Heizung nicht warm oder sie braucht Gesellschaft, mutmaßen wir und stellen fest, dass es kein Wunder ist, wenn hier jeder zweite Abgebrannte sein Dasein in den nächsten Club schiebt. Wir fragen uns, ob es den Geschäftsführer nicht stört, wenn oben zwanzig Leute wie in einer Bahnhofshalle sitzen, während unten die Gäste warten, schimpfen und wieder gehen, weil sie keinen Platz finden.

Später erfahren wir, dass das Lokal ohne Geschäftsführer betrieben wird und auch so über die Runden kommt. Über die Runden kommen. Das ist in dieser Stadt nicht nur die Beschreibung einer Phase die vorbeigeht, sondern ein gemeinsamer Konsens, der uns eint und so normal geworden ist, wie Hartz IV. Man schließt die Augen, lehnt sich zurück und nimmt noch ein Stück Blaubeerkuchen. Während das Leben draußen unruhig in die nächste Runde geht, steigt man drinnen auf die Stühle, reißt zum Feiern die Hände in die Luft und weiß eigentlich gar nicht, warum. 

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