und dazwischen wir

Ein gut besuchtes Lokal. Fünfziger Jahre Stil. Undichte Decke. Kinolicht. Zwei Kronleuchter, drei Birnen defekt. Patina. An den Wänden: Poster von Chuck Berry und James Dean. Elvis Presley im Rahmen, ohne Glas. Daneben Mrs. Monroe. Gesprungen. Die Dukebox spielt Britney Spears und leiert. Linoleumfußboden, verkratzt, verschlissen, grau. Alte Tische, rund, wacklig, dreibeinig, Stammtischkneipen-Stil. Darauf verklebte Tischdecken mit Kordel. Uni. Rote Stühle. Leder. Wir, dazwischen. Hungrig, schweigend, Löffel rührend, Suppe schlürfend. Zwei Tische weiter ein auffälliges Paar. Sie laut, er leise. Jeder starrt. Sie Mitte zwanzig, blond, schwarzer Ansatz, Kulleraugen, Lippenstift verschmierter Mund. Erdbeerrot. Vielleicht Brombeere. Kindchenschema, runde Wangen, Stupsnase, hohe Stirn. Schmale Schultern, Knospen, buntes Kleid, Schleifchen, schöne Beine, blaue Flecken, Platzwunde am Knie, Knutschfleck, dreckige Finger, Chucks. Er, älter. Trägt Popperlocke, Lederjacke, Retro-Wrangler und nippt an einer Flasche Bier. Manchmal dreht er den Kopf zur Seite. Sein Profil ist schön. Sie redet. Er schweigt. Wir schweigen auch. Wir lauschen. Alle lauschen. Das Mädchen stützt die Ellenbogen auf den Tisch und unterhält in Rage das halbe Lokal: „Ich lese und lese und werde noch verrückt, weil ich nichts verstehe! Da will ich begreifen, was gemeint ist und gebe mir Mühe, versuche es immer wieder. Immer wieder, hörst du! Am Ende bin ich genauso schlau wie am Anfang. Glaubst du das? Das glaubst du nicht! Am schlimmsten ist es, wenn ich lese, was ich früher selbst geschrieben habe und mich nicht mehr erinnern kann. War ich so? Bin ich so? Weißt du, dass ich mich dafür schäme? Beschissen, lächerlich, einfach zum Kotzen.“ Sie heult.

Tränen kullern über ihre Wangen, eine verfängt sich am zu roten Mund, bleibt darauf hängen und rollt dann weiter. Sie schluchzt und kleckert den Tisch voll. Die Pfütze muss innerhalb von Sekunden zum See geworden sein, denk’ ich und knabbere am kleinen Fingernagel. Das Mädchen merkt nicht, was um sie herum passiert. Sie merkt nichts von den fremden Augen auf ihren Knien, sie ahnt nichts von den Blicken im Rücken und auf ihrem Kleid. Sie weiß nicht, dass das halbe Lokal schon längst an ihren Lippen klebt. Sie sagt: „Ich kann das nicht mehr ändern, hörst du? Ich will, aber es geht nicht. Verstehst du? Verstehst du, was ich meine? Es gilt das geschriebene Wort.“

Der Typ zieht gelangweilt an einer Kippe. Er spielt mit dem Feuerzeug und den Kordeln der Tischdecke, zieht ein Knie an und hebt den Fuß auf das Polster, legt das Feuerzeug zu Seite und fummelt an seinen Schnürsenkeln. Er schweigt. Im Lokal ist es leise geworden. Unerträglich leise. Still. Auch Britney Spears hat nichts mehr zu singen. Alle Augen sind in Kontakt und führen geheime Dialoge. Das Mädchen ändert die Position und will sich dem Typen erneut erklären: „Sieh mal“, schluchzt sie: „Manchmal trifft man einen Menschen, den man mag und irgendwann wirft man ihm Scheiße an den Kopf. Einfach so. Weil man bescheuert ist oder besoffen oder beides zusammen. So will ich nicht mehr sein. Ich will mich anstrengen. Der dumme Mensch strengt sich nicht an. Dem ist das egal. Denkst du, dass mir das egal ist? Was ist mit denen, die dazwischen sind? Die sich nicht trauen und sagen: Ach, das vergesse ich bald wieder. Ich vergesse nichts. Du weißt, dass ich nichts vergesse. Oder? Ich bin doch kein Idiot. Hörst du mir überhaupt zu? Tut mir leid, Mann. Die ganze Scheiße ist einfach aus dem Ruder gelaufen. Ich hoffe, dass es bald nicht mehr so wehtut. Denkst du, dass es vorbeigeht und bald nicht mehr so wehtut?“

„Ja!“ sagt der Typ mit der Kippe und geht zur Bar.  Am Tresen zeigt er auf den Tisch an dem das Mädchen mit dem zu roten Mund und den großen Tränen sitzt und gibt dem Kellner einen Schein. Er schlägt den Kragen nach oben und verlässt das Lokal ohne sich umzudrehen. Das Mädchen bestellt Pommes.

Marion Bolognesi

 

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