Eine sozialistische Zumutung

Wie viele andere Kinder, lebte auch ich glücklich in der DDR. Jetzt, wo ich sämtliche Alben digitalisiere, stelle ich zum wiederholten Male fest, dass ich eine coole Familie habe. Mein Vater war früher Maurer, Skatspieler und Philosoph. Er werkelte gern am Schraubstock im Keller und hatte oft schmutzige Hände. Heute sind seine Hände sauber und er ist in Rente; philosophiert aber immer noch.

Meine Mutter ist technische Zeichnerin, wollte aber als junge Frau gern Friseurin werden, was man an unseren heißen Frisuren sehen kann. Sowieso schnitten die Mütter – bestimmt nicht nur –  im Osten ihren Kindern gern die Haare gern selbst und machten aus einem unschuldigen Kinderpony eine sozialistische Zumutung.

Mein Bruder war als Kleinkind unheimlich süß und fing erst sehr spät an zu sprechen. Dafür redet er sich heute perfekt aus der Verantwortung raus, dass er mir 500 € schuldet. Neuerdings überlege ich, ob ich als Schulden-Eintreiber meine Mutter, nachts mit Schere, in sein Schlafzimmer schicken sollte.

Verena M. Dittrich Familie

Eine sozialistische Zumutung: Familie Dittrich, Anfang der Achtzigerjahre im heimeligen Plattenbau in Cottbus-Schmellwitz

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