Ein ostdeutsches Highlight

Wenn kleine Kinder oder Kinder im Allgemeinen nicht parieren oder quengelig sind, wenden Eltern gern die ein- oder andere Taktik an. Dabei machen sie Versprechungen, um die Kinder zu beruhigen, obgleich sie wissen, dass diese manchmal nicht erfüllbar sind. Die Kinder, noch zu klein, um zu merken, dass sie auf den Arm genommen werden, tun dann natürlich meistens, was Mutti ihnen sagt. Bei mir war das auch so. Wenn ich als kleiner Moppi die Wochenenden bei Oma und Opa verbrachte und es mittags mal wieder ollen Möhreneintopf gab, den ich nicht mochte, hat Oma oft versprochen, dass „morgen den ganzen Tag die Sonne scheint“, wenn ich aufesse. Anfangs habe ich daraufhin mein Süppchen noch ausgelöffelt, denn wenn Oma das sagt, dachte ich, wird’s schon so sein.

Irgendwann hat die Masche natürlich nicht mehr gezogen, spätestens als ich mit aufgepusteten Schwimmärmeln unterm Vordach stand und jämmerlich bläkte, weil es in Strömen goss, zumal mir am Tag zuvor nicht nur Sonne satt, sondern auch Baden mit Opa versprochen wurde. Ich weiß nicht, wie lange und wie oft ich noch mit diversen anderen Versprechen verhonepiepelt worden bin, aber lange kann es nicht gewesen sein!

Eines Tages verkündete Mutti, dass es nun langsam an der Zeit sei, mal schöne Passbilder vom richtigen, echten Fotografen machen zu lassen. Schließlich wollte nicht nur Tante Anni eins für den Goldrahmen, sondern auch die Kindergärtnerin für die Wandzeitung. Der Tag der 1. Passbilder war also gekommen, ich bekam meinen flotten DDR-Pony aufgepeppt und zwei Zöpfe mit merkwürdigen Zopfhaltern, die nicht nur aus heutiger Sicht verdammt russisch aussehen. Das Ensemble: Strickpulli, Latzhose und Bambi-Halskette machten den Gang zum Fotografen zum ostdeutschen Highlight. Beim Fotografen wars kalt! Der Fotograf selbst war auch unterkühlt. Ich glaube, er hat schon oft kleine Kinder fotografiert.

Mutter setzte mich auf einen Hocker vor eine Leinwand, fummelte an meinem Kopf, kämmte noch mal den Pony und holte ein Taschentuch aus der Hosentasche um selbiges mit ihrer Spucke zu befeuchten und mir Mund und Wange abzuwischen. (Die Sache mit der Spucke fand ich immer blöd!) Dann wars soweit. Der Fotograf wollte, dass ich mein Kinn ein wenig höher hebe. Hab‘ ich gemacht. Dann wollte er, dass ich ihn direkt anschaue. Hab‘ ich auch gemacht. Doch dann beging er einen folgenschweren Fehler: Wenn ich ihm ein hübsches Lächeln schenken würde, sagte er, würde er sich ganz doll freuen und morgen würde dafür zur Belohnung „den ganzen Tag die Sonne scheinen.“ Fatal, fatal. Der Typ lügt wie Oma am Mittagstisch, dachte ich und beschloss, mit dem Lächeln bis zum nächsten Morgen abzuwarten, was natürlich nicht ging, weil da noch andere Kinder geknipst werden wollten. Meine Mutter bettelte mich ein bisschen an, machte Faxen und Metzchen und zog lustige Grimassen. Der Fotograf winkte und fuchtelte und hüpfte wie ein dicker Bär in die Luft. Ich blieb eisern.

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