Keine Gesichter mehr

Vielleicht hätte ich dich nicht treffen und an besagtem Tage die Wohnung putzen, lesen, oder T. lieben  sollen. Vielleicht wäre es besser, sich in die Arbeit zu stürzen, sich abzulenken, ein Bild zu malen oder zwei, sich beim Nachbarn selber zum Kaffee einzuladen und bis nach Mitternacht zu bleiben, länger zu schlafen, die Uhr nicht mehr zu stellen und auf die Zeit zu pfeifen. Vielleicht sollte ich mich mit japanischer Faltkunst beschäftigen und Chinesisch oder Klavierspielen lernen. Vielleicht ist dieses Gefühl, dass ein Fremder einem plötzlich so vertraut ist, morgen wieder vorbei oder übermorgen oder im Februar oder nie.

Vielleicht sollte ich versuchen, es so lange wie möglich festzuhalten, unter den geschwächten Herzmuskel packen und mir vorstellen, wie es wäre, dich auf grauen Fluren heimlich zu küssen. In den Wohnungen hinter uns würden Geschirrspüler summen, Waschmaschinen zum Schleudergang ansetzen, Kinder lachen, Mütter schimpfen, eine Nähmaschine rattern. Vielleicht hörten wir einen zu lauten Fernseher, klirrende Gläser, Musik, jemanden vorlesen, schnarchen oder weinen. Vielleicht würde ich beim Aufflackern des Flurlichts sehen, wie an der Wand Ich liebe dich oder Fuck you geschrieben stünde und es unter deinen Küssen wieder vergessen.

Vielleicht  platscht das Gefühl der letzten Tage morgen in eine Pfütze, wie ein Kind, das zu schnell rennt. Dann würde es im Kopf still sein und wieder normal. Die Nacht wird nicht mehr zum Tag oder umgedreht und die Wolken würden dann wieder nur Wolken und keine Gesichter mehr sein. Dann könnte man sich zwar erschöpft, aber  beruhigt zurücklehnen, gedankenlos seinen Tee genießen, die Minze sortieren und so tun, als ob nichts war. Das Nasenbluten würde man einfach ignorieren, weil man weiß, dass es erst weniger wird und dann ganz aufhört.  

 

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