Ich: Judas

Leute, ich muss mich mal aufregen! Momentchen, gleich. Gleich rege ich mich auf. Ich hole Luft und puste durch, dann scharre ich mit der rechten Stiefelspitze auf dem Teppich und warte, bis die Wangen noch ein bisschen roter werden, die Halsschlagader hervortritt und zu platzen  droht, sich meine Pupillen weiten, das Blut in den Schläfen erst pulsiert und dann gerinnt und dann, ja dann ist es soweit: Ich explodiere!

Ich explodiere, weil ich die Schnauze voll habe! Gestrichen. Warum regt sie sich denn so auf, wird der aufmerksame Leser jetzt fragen. Ich sage es ihm: Weil es sein muss! Weil mir die Wut Oberkante Unterlippe steht und ich nicht weiß, wie ich meinem erregten Gefühl anders Luft machen könnte, ohne nicht anschließend aus den Latschen zu kippen.

An alle Anfragen-Steller und E-mail-Schreiber:

Ich freue mich, wenn Eure Mails und Anfragen ins Haus flattern! Ja, doch, wirklich. Ich finde es schön, wenn meine Texte gefallen und Ihr den einen oder anderen Text, eine Schmunzette oder was anderes Niedliches von mir gelesen habt. In gewisser Weise fühle ich mich geehrt, wenn meine Texte dem Leser im Hinterstübchen bleiben, er sich erinnert und dann fragt, ob ich nicht mal was für ihn schreiben will. Das ist schön. Ich freue mich. Und wie ich mich freue!

…Worüber ich mich aber nicht freue ist die dreiste Art und Weise, wie korrupte Content-Fritzen immer und immer wieder versuchen, mich für blöde zu verkaufen und für lau einzuheimsen. Habt ihr sie noch alle? Haltet Ihr mich wirklich für vollkommen unterbelichtet, dass Ihr denkt, mir erst Nudossi ums Maul zu schmieren und dann zu glauben, ich hätte angebissen? …Und immer dieses ewigliche Gebettel: “Liebe Frau Sowieso, wir lesen Ihre Texte, die sind ganz toll. Leider haben wir kein Geld. Leider können wir kein Honorar zahlen. Wir sind neu.  Wir sind taufrisch. Wir sind gerade erst online gegangen, aber bald sind wir ganz berühmt und jeder Medienfutzi wird uns in den Arsch kriechen. Wenn Sie jetzt also diese einmalige Chance nutzen und das Ruder ergreifen, welches wir Ihnen entgegenstrecken, dann, ja dann, verehrte Schreiberin sind Sie an Bord! Wir Kollegen müssen doch zusammen halten! Und im Grunde müssen Sie das ja auch so sehen: Dass wir auf Sie zukommen ist auch eine Ehre! Wir machen das sonst nicht!  …Sonst kommen die Leute zu uns und alle schreiben umsonst, alle verzichten auf eine Bezahlung. Wegen der großen Ehre, verstehn’se?

Solche Anfragen landen ständig in meinem Postfach. Ich frage mich, ob das nur mir so geht und ob das normal ist. Ist es normal, dass nur in meinem Postfach Anfragen von Leuten landen, die nichts zahlen wollen? Ist es normal, dass  stets auf meinem Tisch die Bettelbriefe junger Existenzgründer liegen? Ich verstehe das nicht! Bei mir ist nichts zu holen! St. Martin war ein toller Mann, aber ich war nicht mit ihm verwandt. Glaube ich zumindest.

Wieso landen auf meinem Tisch nicht Anfragen wie: „Hörnse mal, Frolleinchen, wir sind ein mittelkleiner Verlag und krepeln ziemlich rum, aber wir hätten gern eine Kolumne für 80 Steine zum politischen Geschehen in Mecklenburg-Vorpommern.“ Ist geritzt, sage ich da. Mach’ ich, schreibe ich! Aber nein! Bei mir wird dreist gefragt, ob es auch für lau ginge! Lau. Umsonst. Kostenlos.

Wenn ich dann auf eine solche Anfrage freundlich reagiere und sage, dass ich keine 20 mehr bin und nicht von der Hand in den Mund lebe – Was passiert da? Richtig! Ich werde mit Ignoranz bestraft! Ich habe sozusagen die Ehre verspielt, umsonst und ohne Honorar zu schreiben. Ich Judas. Mit Verlaub Werte Anfrager: Schleichen Sie sich! 

Ich würde mich normalerweise noch mehr aufregen. Gerade bin ich so schön warmgelaufen, aber jetzt merke ich, wie mein linkes Auge aus der Augenhöhle hervortritt. Nicht das es noch rausfällt! Da muss man ja vorsichtig sein. Augenverlust durch Hyperventilieren und Schnappatmung mit anschließendem  Herzstillstand. Ich sterbe den Schriftsteller-Tod nicht beim Schreiben, sondern beim Schreien. Ich ahne es. Oh Gott, jetzt sticht es mich auch noch… 

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