Gefühlte zwanzigtausend Meilen

Mit dir unterwegs zu sein, war anders. Manchmal hast du in Cafés nicht gezahlt, wenn die Bedienung unfreundlich – oder der Kaffee nur lauwarm war und bist einfach gegangen. Einmal bist du in das Lager eines Designer-Ladens eingebrochen und hast in der Bahnhofsmission drei Kisten Mäntel verteilt. Auf U-Bahnfahrten hast du fremde Menschen geküsst, weil du dachtest, die bräuchten das jetzt, die sind heute noch nicht geküsst worden und gestern auch nicht. Vielleicht liegt der letzte Kuss zwei Tage zurück oder zwei Wochen oder gefühlte zwanzigtausend Meilen, hast du gesagt. Nachts, in den Clubs hast du manchmal mit Lippenstift an die Spiegel geschrieben, auf Servietten oder an Wände. Das ist lange her. Inzwischen ist alles gesäubert, die Mäntel getragen, die Küsse abgewaschen und vergessen. Die letzten Ziffern deiner Telefonnummer stehen noch an der Klowand im Rio und auch die Gläser dort sind noch die gleichen wie damals. Wenn ich dich zu sehr vermisse, gehe ich dahin und halte einfach den Zeigefinger ins Wasserglas, ohne mich zu fragen, warum du das immer gemacht hast und wozu das eigentlich gut sein sollte.

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