Mitten in der Nacht

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn sich das Schloss in der Tür drehen würde und du nach Hause kämst. Du würdest deine Tasche abstellen, den Mantel über den Diener hängen und die Autoschlüssel auf die Dielen fallen lassen. Du würdest – wie immer – zuerst in die Küche gehen, ein Glas Milch trinken, dich ausziehen, deine Klamotten auf die Küchenbank werfen und vielleicht auch absichtlich daneben, weil du weisst wie inbrünstig ich mich darüber aufregen kann. Früher habe ich gedacht, dass du direkt ins Bett kämst, heute weiß ich, dass es bis dahin Stunden gedauert hat. Du hast dir ein Brot geschmiert, in meiner Schminktasche geschnüffelt, die Lippenstifte aufgeschraubt und an die Fliesen gemalt, meine CD-Hüllen gelesen, das vierte Lied auf meinem I-Pod dreimal hintereinander gehört und bist währenddessen auf der Küchenbank eingeschlafen.

Später hast du für mich Frühstück vorbereitet, Obst fürs Müsli geschnitten, die Filtertüte in die Maschine gelegt und die Küche geheizt, weil du wusstest, dass ich morgens schlecht in die Gänge komme. Ich habe dich nie darum gebeten, denn ich hätte dich lieber länger neben mir im Bett gehabt und wenn du endlich unter meine Decke kamst, hat es gefühlte zehn Sekunden gedauert, bis der Wecker klingelte und die Nacht für mich vorbei war. Du kamst nach Hause, wenn ich gehen musste und umgedreht. Manchmal haben wir gegen das Vermissen Gedichte an die Spiegel geschrieben und kleine Zettel an die Türen geklebt; da waren rote Liebenswürdigkeiten drauf, Fratzen und blöde Gesichter. Du hast Blumen gekauft, ich Leberwurst. Ich habe einen Film ausgeliehen, du hast ihn zurückgebracht. Dreimal im Monat sind wir uns mittags zufällig im Flur über den Weg gelaufen und haben spontan beschlossen uns zu lieben. Dann kam der Tag, an dem du über den Abtreter gestolpert bist und Frau Bandit schimpfte, weil wir das ganze Treppenhaus vor Lachen zusammenbrüllten. Nach diesem Tag wurden die Zufälle seltener. Irgendwann blieben sie aus.

Du hast aufgehört, die Filtertüten in die Maschine zu legen und Obst zu schneiden; ich habe keine Filme mehr ausgeliehen und die Leberwurst vergessen. Es war  nur eine Frage der Zeit, bis ich den Schlüssel nicht mehr zu Boden fallen hörte oder die Dusche, morgens halb drei. Irgendwann war da nicht mehr die Gewissheit, dass sich das morgen ändert oder übermorgen oder Dienstag in einem Monat. 

Manchmal, wenn ich mich im Bett wälze und mir aus der Decke einen Menschen forme, frage ich mich, wo du jetzt bist; ob du genau in diesem Moment irgendwo anders in CD-Hüllen liest, bessere vierte Lieder auf I-Pods hörst und ob du noch immer Gedichte an Spiegel schreibst, mitten in der Nacht.

Fotoquelle: Lolita. Fotograf: unknown

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