Blaumachen

Ich tu ja gern so, als würde die Stadt jeden Morgen erst gegen 10 Uhr mit ’nem Knoppers im Fressbrettchen zum Frühsport antreten. Vor zehn geht nix. Berlin döst dank Ost-Sandmännchen geschmeidig vor sich hin, so meine schöngeredete Meinung. Heute aber hatte ich seit Langem eine meiner unbeliebten Frühschichten an der Backe und stand deswegen bereits halb sechs vor der entscheidenden Frage:  Gibt es einen Gott? Soll ich blaumachen?

Diszipliniert wie ich natürlich bin, quälte ich mich aus den Federn und wurde dafür schon im Hof doppelt und dreifach belohnt. Diese Stadt schüttete um sechs Uhr in der Frühe ein Fass voller Magie über mich und tunkte die ganze Bornholmerstrasse in glitzerndes Gelbgold. Die Motoren brummten noch nicht so laut, die wenigen Menschen auf der Straße machten enstpannte Gesichter, Vögel zwitscherten in den rußigen Baumkronen und über allem brach halbgöttlich der Himmel auf, nachdem er sich überlegt hat, an diesem Vormittag uni zu tragen, schnörkellos, ohne grauen Schnickschnack, ohne dunklen Firlefanz. Wir lobten uns einen Moment lang gegenseitig. Ich fuhr mit dem Vorhaben in die Redaktion, von jetzt auf gleich ewiglich zum Frühaufsteher zu mutieren. Schön. Der frühe Tag und ich: Wer werden ganz dicke Kumpels!

Dann aber überfallen einen auf nüchternen Magen Meldungen wie diese: “ demnächst wird es ungemütlich“, Deutsche Harmoniesucht“: Merkel jetzt analytisch“, „FDP im Meinungstief“, „Deutsche mögen Angie nicht mehr so gern“, Uns ereilt alle komplett der Benzinschock, „Sexkranker Jesse hat P.ullerproblem“, „Neue Hitparade mit Thomas Anders bei RTL II.“… Leute, Leute, ich muss mir die Sache noch mal überlegen. Thomas Anders und RTL 2 in einem Satz verkrafte ich so früh nicht. Schließlich kann man sich ja nicht schon morgens die Schnäpse einpfeifen bis es rummst: „Frau Kantinen-Chefin, für mich einen Kaffee mit Schuss, schnell!“

1.4.2010, Ernst Thälmann macht blau.

Mitte pennt noch.
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