Aus dem Effeff

Ich hab’ das manchmal, dass ich nicht weiß, was ich am Tag zuerst machen soll: Zuerst Musik auflegen, Frühstücken, Kaffee kochen, die Post holen, jemanden anrufen, die Fenster öffnen, das Bett machen, zuerst liegenbleiben, mich zur Seite drehen und beobachten, wie du schläfst, dabei deine Wimpern zählen und Augenbrauen anschauen und mir vorstellen, wie der Bogen aussehen könnte, wenn ich sie zupfen dürfte. Zuerst ganz stillliegen, die Augen noch mal schließen und versuchen, den Tag im Kopf zu planen und zurechtzurücken,  mir vorstellen, wie ich später im Ruderboot sitze und die freie Zeit genieße und mich am Abend darauf vorbereiten, dass morgen mein letzter Tag in der Redaktion sein könnte, weil ich versagt habe. Es könnte alles so einfach sein, so schlicht, so planbar. Ich könnte mir die Schritte des Tages auf einen Zettel notieren, die wichtigsten Stellen und Stationen rot anstreichen: Dich einmal mehr küssen, dich zweimal mehr umarmen, öfter deine Hand halten, stehenbleiben, die Hände in deine Jeansjacke stecken und mit den Fingern im Takt deines Herzschlages ein bisschen auf deiner Brust trommeln.

Ich hab’ das manchmal, das ich nicht weiß, was ich zuerst machen soll: Zuerst die Türen aufschließen, die Einkaufstüten abstellen, mich auf die Treppe setzen und der Stille lauschen, durchatmen, einatmen, einfach nur atmen, die Augen schließen und auf die innere Stimme hören, die in letzter Zeit immer ernster wird und sagt: „Kind, mach langsam!“, Gott einen guten Mann seinlassen und laut sagen, dass die Freunde und das Leben draußen auch ohne einen in die nächste Runde gehen, während man drinnen im Takt zu Antony and the Johnsons tanzt und vielleicht ein bisschen dazu pfeift.

Ich hab’ das manchmal, dass ich nicht stillstehen kann, Sätze nicht zu Ende spreche, nicht weiß, wen ich in der Heimat zuerst besuchen soll, nicht in Kategorien denken will und doch abwägen muss: Was zuerst? Wer zuerst? Wohin zuerst? Doch immer, wenn ich alles genau plane, durchdenke, strukturiere, passiert das genaue Gegenteil! Im Grunde könnte diese Gewissheit einen ungemein beruhigen. Man weiß, dass man nie perfekt planen kann, nicht alles planbar ist und man die Dinge kommen lassen muss, weil sie ohnehin meistens so passieren, wie sie wollen. Man könnte also eine ruhige Kugel schieben, sich getrost zurücklehnen, ein paar Weintrauben essen, Kirschkerne frech gegen Rauhfaser spucken und gucken wo sie landen und dann in aller Ruhe die Hauptrolle in seinem eigenen Film übernehmen.

Wäre Berlin-Pankow Hollywood, wäre mein Film ein bunter Mix aus den Charakteren Captain Future, Tony Montana, Tyler Durden und Brian Sweeney Fitzgerald. Der Hauptcharakter der Story hätte natürlich immense Zeitprobleme und stets das Gefühl, nicht zu wissen, was er zuerst machen soll. Das wäre mein Part. Ich beherrsche ihn aus dem Effeff. Kannste glauben.

 

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