Bald alles anders

…Und dann hast du vor mir gestanden, mit deinen verwuschelten Haaren und diesem gehetzten Blick, weil du wieder zu spät dran warst und dich entschuldigt, einmal, zweimal, dreimal und ich sagte, das sei doch kein Problem, es mache mir nichts aus, das Warten. Und dann hast du, so mir nichts dir nichts, ein kleines schwarzes Päckchen hervorgezaubert und gesagt, das sei ein Geschenk. Ich hab‘ es aufgemacht und liebgehabt und vorsichtig zur Seite gelegt. 

…Und dann hast du vor mir gesessen und von dir erzählt, von deiner Arbeit, der Familie, dem stressigen Alltag und dass du nie Zeit hättest, dass du immer auf der Überholspur seiest,  immer auf hundertvierundsiebzig Prozent. Du sagst, du müsstest so sein, das würden die anderen von dir erwarten und eigentlich auch du von dir selbst. Manchmal, wenn du erzählt hast, dass du so gern mal ausruhen- und innehalten würdest, haben sich deine Finger verkrampft und ich hab‘ mich gefragt, ob ich deine Hand halten soll, als Freund. 

…Und dann bist du aufgestanden, weil es plötzlich schon wieder Mitternacht war und du fort musstest, zurück in deine schnelle Welt mit den wichtigen Terminen. Du hast den letzten Schluck Wein ausgetrunken und im Gehen gesagt, dass bestimmt bald alles anders wird, dass du demnächst mehr Zeit hättest und dich jetzt öfter melden würdest, dass die Abstände, in denen wir uns treffen, kürzer würden und die Abende länger. Du hast mich festgehalten und ich hab’ mich an dich gedrückt und einen Moment lang war alles wie bei Dornröschen.

…Und dann bist du losgefahren und hast dich seitdem nicht mehr gemeldet. Und ich bin hier, mit dem Geschenk  auf dem Nachttisch und deinen guten Vorsätzen in meinem Kopf und weiß nicht, was ich mit beidem anfangen soll.

Für Fritz.

 

 

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