Prima Erwachsenen-Geschichten

Früher, als noch tiefster Osten war, hat Mutter am Wochenende oft zu mir gesagt: „Hol mal beim Bäcker Weiland fünf Semmeln, drei Pfann- und zwei Spritzkuchen“. Also habe ich mir ein Einkaufsnetz geschnappt und bin, vorbei am Konsum und Tante Elli, zum Bäcker Weiland gefahren. Mit dem Roller. Vor dem Bäcker stand meist schon eine lange, lange Schlange. Da hat man stets den neuesten Tratsch aus der Nachbarschaft aufgeschnappt, dass der Jochen seiner Bruni eine geklebt hat, dass die Stasi Frau Schulzes Westpaket aufgerissen- und den Kaffee geklaut hat, dass Cindy Zäuner stolze Besitzerin von Plaste-Sandaletten- und die halbe Klasse neidisch ist oder dass Torsten Koch die schwarz-weiß Pornofotos seiner Eltern mit zum PA-Unterricht genommen- und überall rumgezeigt hat.

Wenn ich das so aus der Erinnerung betrachte, muss ich zugeben, dass ich ein Kind war, das gern in der Schlange gestanden und gewartet hat. Denn ein Warten war das nie! Es war immer ein Abenteuer, wenn auch ein kleines und es gab prima Erwachsenen-Geschichten aufs Ohr, bei denen die Kinder normalerweise aus dem Raum geschickt wurden. Bäcker Weiland wurde von zwei Schwestern gemanagt und war ein richtiger DDR-Familienbetrieb. Die Schwestern waren sehr dick und uralt. Sie trugen lustige Schürzen, da waren kleine Marienkäfer drauf und allerlei Kleckse.

Manchmal haben die Schwestern zur Unterstützung einen Helfer eingestellt, den Gunnar. Der Gunnar ging schon in die Schule und sah sehr schwedisch aus. Ich schwärmte für ihn und bin immer, wenn er geholfen hat, ohne Einkauf heimgekommen, weil ich jedes Mal, wenn ich dran war und der Gunnar hinterm Tresen stand, kein Wort rausgekriegt habe. Das war natürlich blöd, so ohne Brötchen.

Ich frage mich manchmal, was der Gunnar heute von Beruf ist und ob die Eltern von Torsten Koch jemals erfahren haben, dass die halbe Schule sie in der Milchpause bestaunt hat. 

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