Sehnsucht nach was Neuem

Wir waren so eifrig darin, einander Briefe zu schreiben, dass wir in Gedanken schon beim nächsten waren, obwohl der eine noch nicht zu Ende getippt war. Du hast von deinem Leben erzählt, ich von selbst gemachtem Müsli. Nachts, wenn wir nicht schlafen konnten, sind wir aufgestanden, um zu gucken, ob der andere schon geschrieben hat. Einmal, als du keinen Internetanschluss hattest, bist du vor Neugier zum Späti gerannt, um zu gucken, ob schon was im Kasten liegt. Es war wie eine Sucht nach der nächsten Seite, dem nächsten Geheimnis, einer größeren Flut. Und es sollte nicht aufhören, nicht für dich und nicht für mich und oft haben wir darüber gelacht, weil es keiner wusste, außer uns. Wenn wir uns auf dem Gang begegnet sind, war das wie im Film, wo man so tut, als würde man einander nicht kennen, weil das nur für Gesprächsstoff sorgen würde, für Gerüchte und dummes Geschwätz. Du hast den Kopf ein bisschen höher gehoben und ich die Nase. In der Kantine habe ich dich liebevoll in die Seite geboxt und du hast dich revanchiert, indem du mir unterm Tisch gegen das Schienbein gehauen- oder ungefragt mein Kompott gegessen hast. Ich weiß inzwischen so viel über dich und doch so wenig, ich kenne jeden Fleck an deinen Wänden, jede Ecke deiner Wohnung und bin bis jetzt nie dort gewesen. Ich weiß, wo die Socke liegt, die du nicht finden kannst, dass du den Toaster aus dem Fenster hältst und ausschüttelst und die alten Krumen in den Kinderwagen im Hof fliegen. Ich weiß so viel, so viel, fast nichts. …Und dann hast du gesagt, dass sich was ändern solle, dass du Sehnsucht nach was Neuem hast, dass es eine nächste Stufe geben muss. Zwischen uns. Ich würde immer nur draußen warten und nicht reinkommen, nicht näher kommen, nie auf Tuchfühlung gehen. Du findest, das sei, als bliebe ich, in allem was ich tue, im kalten Treppenhaus. …Und ich frage mich jetzt, wieso du nicht bemerkt hast, dass ich schon wochenlang mit dir in deiner Küche sitze, in der es noch nach frischer Farbe riecht, den Flur mit dir hoch- und runterspaziere, wenn du nicht schlafen kannst und dass schon ich längst die vom Duschen beschlagenen Scheiben am Fenster für dich frei gewischt habe.

 

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