Ämter, Gott und Luftballons

Ich war heute beim Amt. Oder muss es ordnungsgemäß auf dem Amt heißen? Ist ja auch egal, ich habe heute jedenfalls einen Behördengang eingelegt. Das ist schwierig bei mir, denn für gewöhnlich sind mir diese Behördengänge so verhasst, dass ich sie ungern tätige und gern ausfallen lasse. Da ich aber sicher bin, dass es hundert Millionen Deutschen ähnlich geht, bin ich über meinen Schatten gesprungen und dahin gelatscht. Als ich ankam, war da eine riesige Schlange und die Dame vom Amt meinte, als ich endlich dran war, sie sei für meine Belange nicht zuständig, ich müsse auf ein anderes Amt, dieses Amt hier befasse sich mit Parkvignetten, jedenfalls bis morgen, aber morgen dürfe ich wiederkommen, da befasse man sich wieder mit dem üblichen Kram und wenn mir das nicht passt oder ich nicht so lange mit meiner Angelegenheit warten kann, müsse ich eben auf ein anderes Amt, eines, das am heutigen Tag für meine Belange zuständig ist. Ich musste an Kafka denken.

Dann stand sie auf, ohne eine Antwort oder ein jämmerliches Füllwörtchen, ein ähm oder ein also abzuwarten und goss ihre hässlichen Ostblumen. Ich war ein bisschen verzweifelt und merkte, wie meine Unterlippe nervös zu zucken begann, als sie die Gießkanne abstellte und „der Nächste bitte“ rief. Also nahm ich meinen Turnbeutel und ging aus der Schlange und setzte mich auf die Bank vor dem Amt. Es war ein schönes Amt, ein alter Backsteinbau aus dem vorigen Jahrhundert mit Boteneingängen und Dienstmädchenanbauten und Efeu, überall Efeu. Ich saß mit meinem Beutel auf der Bank, beobachtete einen traurigen Luftballon, steckte ein paar Kastanien in meine Hosentaschen und fühlte mich plötzlich wie eine Farmerin oder eine Großgrundbesitzerin, na ja eben wie eine dieser Damen, die damals in diesen riesigen Anwesen lebten und gern gesellschaftliche Abende organisierten. Im Hintergrund hörte ich die Kinder, die ich nicht habe, um den Springbrunnen laufen und Fange spielen und wollte plötzlich gar nicht mehr weg von dem Amt!

Als ich gerade auf dem Heimweg war und überlegte, wie viel Strafe es wohl kostet, wenn man mit einem Personalausweis durch die Welt eiert, der seit einem Jahr abgelaufen ist, fiel mir ein Mann mit geschlossenen Augen auf, der die Arme zum Himmel streckte. Ich ging näher an ihn heran und wartete, bis er mit seinem Gebet fertig war. „Wem haben Sie gerade gedankt?“, fragte ich ihn leise. Und er antwortete, während er sich bückte und die Flasche, die zu seinen Füßen stand, hochhob und an seine eingerissenen Lippen führte: „Gott! Für dieses Bier.“

 

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