Essengeld-Turnschuhe & Kaugummi-Automaten

Als Oma Edith in Zonenzeiten vom Besuch aus dem Westen zurückkam, hat sie für jeden Enkel immer Geschenke mitgebracht: Stifte, coole Ohrenschützer, Blousons, die BRAVO, eine Doppel-Federtasche, manchmal eine Quarzuhr oder Knöchelturnschuhe mit Klettverschluss. (Ich muss kurz erwähnen, dass ich damals die sogenannten Essengeld-Turnschuhe noch nicht zu schätzen wusste.)

Wenn die Eltern die Ansage machten, dass Oma um die Mittagszeit heimkehren würde, lauerten wir schon Stunden vorher am Gartenzaun. Und wenn sie dann in die Heinrich-Zille-Straße bog und uns von Weitem winkte, rannten wir ihr entgegen und schubsten einander, weil jeder schneller als der andere sein- und zuerst an Oma hochspringen wollte, wie so ein aufgeregter, zügelloser, kleiner Köter.

Die Mitbringsel aus dem großen, abenteuerlichen, fernen Westen wurden genau studiert, frenetisch gefeiert und als Schatz mit ins Bett genommen. Unter der Bettdecke hat man sie dann mit der Taschenlampe ein bisschen angefunzelt. Westschokoladenpapier hoben wir auf, schließlich konnte man das ja fürs Sammelheftchen kaupeln. Und dann, eines Tages, Oma kam mal wieder von einer Reise aus dem Westen, schenkte sie mir eine kleine Kugel. „Wenn du es dir nur ganz, ganz fest wünscht, ist in der Kugel ein kleiner Schatz!“, hat sie gesagt und mir über den schief geschnittenen Pony gestreichelt.

Ich schloss die Augen, öffnete die Kugel und fand darin einen bombastisch schönen Fingerring, der 1a passte. Das war vielleicht ‚`ne Wucht! Anschließend bin ich mindestens zwei Wochen voller Wünsche durch die Gegend gerannt. Einmal zum Beispiel, das war in so einem Kaufhaus in Leipzig, fokussierte ich eine kleine Schmuckschatulle, die in einem Regal stand. Ich wünschte mir, dass sie voller Schätze sei und bekräftigte meinen Wunsch, indem ich 10 Runden wie ein Voodoo-Priester ums Regal schlich, Indianer-mäßig hopste  und Sprüche aus dem Zauberkasten aufsagte. Ich dachte, wenn ich es mir nur ganz fest wünsche, würde ich in jeder Leere, in jedem Becher, jeder Schatulle einen fetten Schatz finden. …Und dann bin ich hingeschlichen, kniff die Augen zusammen, presste die Lippen aufeinander, öffnete die Schachtel und: fand darin: DAS! Was, dachte ich, ein oller Eislöffel? Ich war mit meinem Schatz überhaupt nicht d’accord und beschloss, Oma für mindestens zwei Stunden wie Rosenkohl zu finden. Blöd. Mutter erzählte mir daraufhin, wie sie die Sache mit dem Wünschen und der Vorstellungskraft überhaupt gemeint hat und dass meine Kugel doch nur aus einem ollen Kaugummiautomaten gewesen sei.

Irgendwann ist Oma gegangen und auch die Automaten sind weniger geworden. Wenn ich heute manchmal einen sehe, komme ich nicht drum herum, mir hundert Murmeln zu wünschen. Am liebsten würde ich um jeden schmutzigen, alten Automaten schleichen und ihn fest in den Arm nehmen.

…Wenn Oma gewusst hätte, was sie mit einer einzigen Kugel ins Rollen gebracht hat.

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