Fingerabdrücke

Früher habe ich immer gedacht, ich könnte mich an alles erinnern. Ich war ein guter Beobachter, mir entging nichts. Ich  habe alles registriert, wenn ich einen Raum betreten habe: Die Schrammen auf dem Parkett, die Hoffnung zwischen den Tapetenschichten, die Weinflecken auf der Tischdecke, dass der Lichtschalter lose war und die Griffe am Schrank, und dass in der Lampe tote Fliegen schliefen. Ich hab’ den Staub auf den Flächen gesehen und die Buchstaben, die Paul darin gemalt hat, habe die kleinen Schnapsgläser gezählt und als erste gemerkt, als eins gefehlt hat. Ich weiß noch heute, wie die Gardinen gefallen sind, und dass die Kissen in der Mitte kleine Knicke hatten. Ich sehe noch immer die Deckchen, Stricknadeln und all den Kokolores, den keiner braucht, wenn ich die Augen schließe. Im Bad waren die Fugen gebrochen, und die Fliesen über der Waschmaschine waren andere als unterm Spiegel. Das war so, das sollte so sein. Du hattest eine grüne Zahnbürste und eine rote und keiner wusste, wem die grüne gehörte, aber gefragt hat dich auch keiner. Im Flur lagen auch im Sommer Handschuhe auf der Kommode, die habe ich manchmal angezogen und auf Verbrecher gemacht. Dann habe ich mich von hinten an dich rangeschlichen, dich geküsst und dabei keine Fingerabdrücke hinterlassen. Früher habe ich immer gedacht, ich könnte mich an alles erinnern. Ich kannte das geheime Innenleben zwischen deinen Schubladen und wusste, was im dritten Fach unterm Papier versteckt war. …Heute ist es erst fünf nach Drei und ich erinnere mich kaum noch an die Geschichte von dem Mann auf dem Foto oben links.

Mutter meint, das kommt schon wieder.  

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