Über den Weltvorrat der Worte (von G. Elfers)

Es gibt ja Leute, von denen liest man was und denkt sich: Mensch, der schreibt aber kluge Sachen! Heute möchte ich Euch einen ganz tollen Journalisten vorstellen , den ich schon gaaaanz lange kenne. Ich meine, ich kenne ihn nicht persönlich, also, das heißt, ich war noch nie bei ihm zu Hause oder so, und außerdem wohnt er in London, der  besagte Journalist. Ich kann auch nur mutmaßen, ob er diese gesteppten Barbourjacken trägt, von denen ich annehme, dass sie in London viele Leute tragen, denn ich bin ihm ja, wie gesagt, noch nicht begegnet. Er heißt Gerhard Elfers und es wird gemunkelt, dass die Jenny Elvers Elbertzhagen mal in ihn verliebt war und sich heimlich so nennen wollte, aber sie hat es, im Gegensatz zum Elfers, nicht so mit Sprache. Hier sein toller Text über den Weltvorrat der Worte und die Wortversorgungspolitik. Lesen, lesen, lesen!

Es gibt so viele Worte, man kann sie gar nicht verbrauchen

ein ebenso weitverbreiteter wie aergerlicher irrtum.

ich muss etwas ausholen. im englischen sprachraum ist der begriff „peak oil“ verbreitet, er bezeichnet den zeitpunkt, von dem ab die bekannten und vermuteten erdoelvorraete ihren hoechststand erreicht haben und kontinuierlich sinken. irgendwann ist alles verbraucht. es gibt da verschiedene denkschulen, viele experten meinen, „peak oil“ sei schon ueberschritten, und wir, also die menschheit, muesste sich jetzt mal eine alternative ueberlegen.
 
mit woertern verhaelt es sich so aehnlich. eine wachsende anzahl von fachleuten ist der ansicht, das die weltwortvorraete /deutsch ihren hoechststand bereits mitte der achtziger jahre ueberschritten haben, und zwar kurz nach der einfuehrung des privatfernsehens. andere betrachten das aufkommen des internets ende der neunziger als wendepunkt, wieder andere sagen, erst mit dem auftauchen von „spiegel online“ sei die karre so richtig in den dreck gefahren worden. germanisten der claudia-schiffer-universitaet in frechen haben zwar kuerzlich in einer aufsehenerregenden studie hinweise veroeffentlicht, die anlass zu der hoffnung geben, dass es unter den bayrischen alpen noch gewaltige vorkommen von hochreinen substantiven geben soll. mit dem areal vertraute geologen wiesen dies jedoch als „gefaehrlichen hokuspokus“ und „politisch motivierte augenwischerei“ zurueck (siehe „nature“, 12/2009, s. 44 ff.).
 
optimisten der wortversorgungspolitik, besonders kommentatoren in den unionsparteien nahestehenden medien, verweisen in letzter zeit wieder auf die wortschlammfelder unter der lueneburger heide. dabei ist laengst bekannt , das deren zeitnahe ausbeutung kostpielig und unter wirtschaftlichen gesichtspunkten mit heute zur verfuegung stehenden technologien unrealistisch ist. bei den in rede stehenden vorkommen handelt es sich um ein zaehes, braeunlich-schwarzes gemisch aus engverketteten verben und substantiven, durchsetzt mit allerlei adjektiven, adverbien und fragmenten verschiedener dialekte (schwaebisch, saechsisch). auch wurden vereinzelte englischpartikel nachgewiesen, die bekanntlich im verdacht stehen, sprachkrebs zu erregen. diese verunreinigungen muessten in einem komplizierten und kostspieligen reinigungsprozess in speziellen reaktoren muehsam herausredigiert werden, bevor ueberhaupt mit dem raffinierungsprozess in reinsprachliche vorprodukte begonnen werden koennte.
 
gegner der weiteren hemmungslosen ausbeutung unserer rohsprachvorkommen (slogan: „die gedanken sind frei, man kann sie aber auch fuer sich behalten“), zu deren sympatisanten auch ich mich zaehle, fordern deshalb seit langem ein radikales umdenken in der deutschen sprachpolitik. sie verlangen unter anderem mehr geld fuer eine bessere erforschung der alternativen sprachgewinnung (nachwachsende wortquellen wie soja, aber auch windsprache, sonnensprache), eine strenge lizenzvergabe fuer jedwede wortmeldung im internet, die einfuehrung einer schlagkraeftigen, mit geeigneten sprechverhinderern (klebeband, rachensperren, rettiche) ausgestatteten sprachpolizeitruppe, die umgehende aechtung des berufsstandes „comedian“ sowie die abschaltung von phoenix und andrea nahles.“
 
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